# A'Anfa, 12. Phex 1042 BF "Adamana, Kind, du bist da." Er liegt auf dem Bett, der Alte, dem ich so viel zu verdanken habe und den ich so sehr hasse. Er ist grau geworden und faltig. Aus trüben Augen schaut er in meine Richtung. Sieht er mich noch oder hat er mich an meinen Schritten erkannt? Nachdem er so oft Lebensjahre von Sklaven auf ihre Herren übertragen hat, war er doch nicht in der Lage, sein eigenes Leben zu strecken. "Ich hielt es für meine Pflicht, zurückzukehren." Mein Blick ruht auf diesem alten Körper. Ich kann mich nicht überwinden, ihm zu sagen, dass ich mich von ihm verabschieden will. Es zerreißt mich, wenn ich ihn sehe. Er hat mir alles beigebracht, doch wünschte ich dass ich einen großen Teil meiner Fähigkeiten nie gelernt hätte. Illorius hat mir beigebracht, wie ich Magie nutze, um einen Körper neu zu gestalten. Er hat mich gelehrt, Verletzungen von einer Person mit Hilfe von Magie auf eine andere zu übertragen. Und er hat mich gelehrt, das gleiche auch für Lebensjahre zu tun. Ich war die einzige, der er das jemals beigebracht hat. Sein Lebenswerk, wie er mir damals erklärt hat. Die Modifikation eines solchen Rituals ist eine Leistung, die ich damals nicht verstanden habe. Heute verstehe ich es. Respektieren kann ich es umso weniger. Da liegt er, mein alter Meister. Er hat Kinder benutzt, um das Leben von Leuten zu verlängern, die es sich leisten konnten. Die Lebensjahre von Sklaven, die ihr Eigentum waren, hat er für horrende Summen ihren Herren gegeben. Wie oft haben Illorius Schüler, zu denen ich auch gehört habe, dann die toten Körper dieser Sklaven verbrannt. Alt, ausgemergelt, nur noch Haut und Knochen. Mit einem Ächzen hebt er seinen Arm in meine Richtung. "Adamana, Kind, gib mir deine Hand." Seine Stimme ist ein flüsterndes Krächzen. Ich ziehe einen Schemel neben sein Bett, setze mich und reiche ihm meine Hand. Ich will ihn nicht berühren, aber ich kann nicht anders. Ich schulde es ihm. Sein Daumen beginnt, meinen Handrücken zu streicheln, wie er es getan hat, als ich noch klein war und Trost brauchte. Heute brauche ich keinen Trost mehr. Ich wende das, was er mir beigebracht hat, nicht mehr an. Ich weiß heute, wie ich heilen kann, ohne die Lebenskraft von anderen zu verwenden. Es kostet mich immer etwas, aber das gebe ich freiwillig. Ich bin niemandes Sklavin. Nicht mehr. Da liegt er, mein alter Meister und starrt aus blinden Augen in die Richtung, in der er mich vermutet. Der Atem rasselt aus seinem Körper. Ich kann ihm nicht mehr helfen, selbst wenn ich es wollte. Und ich will es nicht. "Adamana, Kind, ich muss dir etwas sagen." Zwischen den Worten macht er immer wieder Pausen. Es kostet ihn viel Kraft, zu sprechen. "Sprich", antworte ich. Bin ich neugierig? Oder lasse ich es einfach über mich ergehen, als letzte Pflicht gegenüber einem Herrn, der nicht mehr der meine ist? Er hält immer noch meine Hand und ich spüre, dass seine Magie versucht, die Kraft für seine letzten Worte von mir zu nehmen. Ich lasse meine Kraft in diesen alten Körper fließen. Heute habe ich die Kontrolle, nicht wie damals. Er atmet ruhiger, seine Stimme wird etwas fester. "Adamana, du kamst zu mir, bevor du geboren wurdest. Du solltest die Quelle der Lebenskraft sein, die ich auf andere übertrug. Das war der Wunsch deiner Mutter, als sie mir das Ei gab, in dem du warst. Aber ich konnte es nicht. Ich konnte dich nicht anrühren. Deshalb mussten so viele sterben. Es tut mir leid." Ich entreiße ihm meine Hand. All die Jahre war ich… Was bin ich? Wer bin ich? Warum hat er mir das nicht früher gesagt? Ich konnte mich als Kind nicht daran erinnern, was vor meinem zehnten Geburtstag passiert ist, weil ich eigeboren bin. Weil es vor diesem Tag kein Leben gab, an das ich mich hätte erinnern können. Mein Kopf rauscht, mir wird schwindlig. Ich hätte es sein sollen, die Quelle für die Lebensjahre der Granden. Ich hätte die Wunden der Verletzten tragen müssen. Ich hätte es sein sollen. Bis heute habe ich gehasst, weil er mich benutzt hat. Hasse ich ihn jetzt, weil er mich nicht benutzt hat? Hasse ich ihn überhaupt noch? Mir wird schlecht und ich übergebe mich. Alles dreht sich. Ich glaube ich schwanke, stolpere über den Schemel, auf dem ich eigentlich noch sitze. Dann ist alles schwarz. --- Es müssen Stunden vergangen sein, als ich wieder erwache. Illorius atmet nicht mehr. Mein alter Meister ist tot. Ich möchte ihn noch so vieles fragen, aber diese Gelegenheit ist vorüber. Heiße Tränen rinnen mir über das Gesicht, aber das spielt keine Rolle mehr. Das letzte, was er in seinem Leben getan hat, war der schlimmste aller Zauber. Ein Zauber, der gänzlich ohne Magie daherkommt, weil er an meiner Seele frisst. Ich hätte es sein sollen, der er Lebensjahre entzieht, nicht die Sklaven, nicht die Kinder. Meine Lebensjahre erschöpfen sich nicht. Wie soll ich damit leben? Ich werfe einen letzten Blick auf Illorius’ toten Körper. Ein tiefer Atemzug, dann verlasse ich das Zimmer und das Haus. Die Mittagssonne blendet mich kurz und ich schirme meine Augen vor ihren warmen Strahlen ab. Die Sonne, ich werde sie jeden Tag sehen. Ich lausche dem Treiben der Stadt, den Kindern, den Händlern, so vielen, denen ich etwas geben kann. Ich atme den Duft des Lebens ein, eines Lebens, das viel geben kann. Dann lächle ich das Lächeln einer Eigeborenen.