Albenhus

Aufbruch nach Albenhus

Amir blickte in Richtung Süden. Albenhus versprach Gassen, Tavernen und neue Möglichkeiten für einen flinken Zahori. „Amir denkt, Albenhus klingt nach einem guten Ort für jemanden mit neuen Steinen in der Tasche“, murmelte er in seinen nicht vorhandenen Bart und folgte seinen Gefährten auf den Pfad aus dem Tal hinaus.

Die Reise nach Albenhus versprach eigentlich Entspannung, doch die Straße am Großen Fluss war selten so friedlich, wie es die Händler in den Tavernen behaupteten. Als die Gruppe auf ein gut verstecktes Lager von Flusspiraten stieß, kochte das Blut der Gefährten sofort hoch. Besonders Callan war kaum zu bändigen – sie hatte erfahren, dass diese Halunken ihre wertvollen Bücher geraubt hatten.

Während Myrkon und Amarosch noch über Taktik beratschlagten und Callan am liebsten mit wehendem Umhang vorstürmen wollte, war Amir bereits eins mit den Schatten. „Amir wartet nicht auf Pläne. Pläne machen Lärm“, flüsterte er. Flink und geschmeidig wie ein Wiesel umging er die Wachen und nutzte seine Fähigkeiten als Schlangenmensch, um durch ein schmales, modriges Fenster in die Haupthütte zu schlüpfen.

Drinnen roch es nach billigem Fusel und nassem Leder. In einer Ecke entdeckte er zwei prall gefüllte Rucksäcke. Ohne zu zögern, griff er sie sich und ließ sie lautlos wie eine Feder durch das Fenster nach draußen ins hohe Gras gleiten. Draußen hörte er plötzlich das Klirren von Stahl und wütendes Gebrüll. „Hätten die nicht warten können, bis Amir fertig ist?“, brummte er genervt. Die Gruppe war ungeduldig geworden und hatte den Angriff gestartet.

Amir nutzte den Tumult, um den Rest der Hütte zu durchwühlen, doch außer kargen, stinkenden Schlafplätzen fand er nichts. Als draußen der Kampf eskalierte und er sah, wie Myrkon einen Piraten mit einem wuchtigen Schlag beinahe niederstreckte, entschied Amir, dass es Zeit für eine kleine Unterstützung aus dem Hinterhalt war. Er trat an das Fenster, legte einen der scharfkantigen Metallreste aus Norrigeas Schmiede in seine Schleuder und ließ sie „sprechen“. Das Metall surrte durch die Luft und traf einen der Piraten hart im Rücken. Bevor jemand die Quelle des Schusses ausmachen konnte, war Amir bereits wieder verschwunden und kletterte lautlos aus dem Fenster.

Im sicheren Schutz des Gebüsches öffnete er die Rucksäcke. Seine Augen weiteten sich und begannen im Dunkeln fast zu leuchten. Zwischen wissenschaftlichen Abhandlungen und staubigen Wälzern fand er zwei schwere Lederbeutel. Er zählte hastig: 500 Dukaten im einen, 200 im anderen! Ein Vermögen! „Reiche Beute, Herr Phex. Amir dankt für das Glitzern“, flüsterte er ehrfürchtig.

Der Kampf draußen war schnell vorbei. Als Amir sich wieder zur Gruppe gesellte, traute er seinen Augen nicht: Callan kniete im Dreck und versorgte die Wunden der Piraten, statt sie für den Raub zu bestrafen. „Hat die Frau mit dem Hut keine anderen Sorgen?“, dachte er kopfschüttelnd.

Als Callan schließlich die Hütte stürmte, um ihr wertvollstes Buch zu suchen, war Amir ihr bereits einen Schritt voraus. Er hatte das große Buch geistesgegenwärtig unter dem Fenster im Dreck vergraben. Callan kam enttäuscht wieder heraus – die Hütte war leer. Doch Amarosch, der alte Zwerg, hatte Amirs verdächtige Bewegungen genau beobachtet. Er trat zum Fenster, bückte sich und zog das schlammverschmierte Buch hervor.

Amir hielt den Atem an, doch Amarosch zwinkerte ihm nur kurz zu. „Hier, Magierin! Ich hab dein Buch im Dreck gefunden. War wohl beim Kampf aus der Hütte gefallen“, brummte der Zwerg und hielt Amir den Rücken frei. Er wusste genau, wer hier „aufgeräumt“ hatte, aber ein Zwerg verriet keinen Gefährten, der ihm kurz zuvor noch einen Bierkrug geschenkt hatte.

Die Enttäuschung folgte jedoch auf dem Fuß: Die anderen beiden Bücher von Callan waren bereits weg. Einer der Piraten gestand winselnd, dass sie diese für lumpige 200 Dukaten an einen vorbeiziehenden Hehler verkauft hatten.

 

endlich reich

Amir klopfte unauffällig auf seinen Beutel mit den 700 Dukaten. Er fühlte sich fast ein wenig schlecht für Callan – aber eben nur fast. Schließlich war Information teuer, und Amir hatte für dieses Gold sein Leben im Fenster der Piraten riskiert. „Amir denkt, Wissen ist Silber, aber Dukaten sind definitiv Gold“, philosophierte er leise, während sie sich für den letzten Marsch nach Albenhus bereit machten.

Callan war sichtlich erleichtert, als sie ihren Rucksack durchwühlte. Auch wenn zwei der teuren Bücher fehlten, war der Rest ihres Inventars – Pergamente, Tintenfässer und persönliche Aufzeichnungen – unversehrt geblieben. Nach dem hitzigen Gefecht beschlossen wir, keine unnötigen Risiken einzugehen und die Nacht im Lager der Piraten zu verbringen. Die Halunken wurden fest verschnürt, während wir uns abwechselnd in der Wache ablösten.

 

Twergenhausen

Am nächsten Morgen trieben wir die gefesselte Bande vor uns her bis nach Twergenhausen. Der dortige Büttel nahm die Piraten mit grimmigem Vergnügen entgegen. Während die Kerle in die Zellen geschleift wurden, spuckten sie noch eine letzte Information aus: Der Hehler, dem sie die Bücher verkauft hatten, sei ein Südländer gewesen – vermutlich ein Tulamide mit dunkler Haut und weiter, fremdartiger Kleidung. Einen Namen kannten sie nicht.

Amir, der seine Ohren immer am Boden des Marktes hatte, ließ beiläufig fallen, dass in Twergenhausen reger Handel mit Koschbasalt getrieben wurde. Er beobachtete amüsiert, wie Callan bei dieser Erwähnung merklich zusammenzuckte – magieresistentes Gestein war für ihre Zunft schließlich alles andere als ein angenehmer Nachbar.

„Amir ist großzügig“, sagte der Halbelf mit einem schiefen Lächeln und reichte Callan seinen Anteil am Kopfgeld für die Piraten: zwei glänzende Dukaten. Er konnte es sich leisten, schließlich wogen die 700 Dukaten in seinem geheimen Versteck deutlich schwerer. Der Weibel von Twergenhausen erklärte uns zudem, dass man in Albenhus händeringend nach Kopfgeldjägern suche, da die Flusspiraten zu einer echten Plage für den Handel geworden seien.

Zum Mittagessen kehrten wir in eine Taverne ein. Myrkon, offenbar in Spendierlaune, lud die gesamte Gruppe ein. Zwischen Braten und Dünnbier schnappten wir weitere Neuigkeiten auf: In Albenhus, nahe dem Ingerimmtempel, gab es einen angesehenen Edelsteinhändler namens Alfiwir. Amirs Augen funkelten bei dieser Information kurz auf – eine perfekte Adresse, um die zwei „besonderen“ Steine aus der Zwergenbinge zu Gold zu machen.

Vom tulamidischen Hehler fehlte in Twergenhausen jedoch jede Spur. Amir sah Callans besorgte Miene und rückte mit seinem Wissen heraus: „Amir weiß, dass Albenhus das Stapelrecht besitzt. Jede Ware, die den Fluss passiert, muss dort angeboten werden. Vielleicht liegen die Bücher der Dame mit dem Hut bald auf einem legalen Marktstand?“

Es war ein Hoffnungsschimmer, auch wenn Callan bezweifelte, dass ihre speziellen Folianten als normale Handelsware galten. Doch Amir war noch nicht fertig. Er war für eine Weile in den schattigen Ecken der Stadt verschwunden und kehrte mit einem Tipp zurück: „Wenn man in Albenhus Leute treffen will, die Dinge verkaufen, die sie nicht besitzen sollten, dann ist der ‚Honigtopf‘ die richtige Schenke.“

Wir setzten unsere Reise flussaufwärts fort. Der Weg war mühsam, die Beine wurden schwer, und der Wind vom Großen Fluss blies uns beständig entgegen. In dem kleinen Ort Weidleith hörten wir Gerüchte über die Mündung der Galebra. Dort solle ein mystischer Ort liegen, an dem sich Druiden zu geheimen Zusammenkünften träfen.

„Amir hat genug von Druiden und wandelnden Bäumen“, stellte er klar und blickte zu den anderen. Die Gruppe war sich einig: Der mystische Ort blieb links liegen. Unser Ziel war Albenhus – die Stadt des Stapelrechts, der Edelsteine und des „Honigtopfs“.

 

ankunft in Albenhus

Die Reise flussaufwärts zehrte an den Kräften, doch der Wechsel der Jahreszeiten war deutlich spürbar. Es war schließlich der 22. Ingerimm, als die Silhouette von Albenhus am Horizont auftauchte. Doch kurz bevor wir die rettenden Tore erreichten, bot sich uns ein Bild der Verzögerung: Eine prunkvolle Kutsche stand mit gefährlicher Schlagseite am Wegesrand.

„Amir denkt, der Wagen hat ein Bein verloren“, bemerkte der Halbelf, während er die Szenerie beobachtete. Ein Mann in Arbeitskleidung mühte sich fluchend an einem Rad ab, während ein Herr in feinstem Zwirn danebenstand und besorgt auf seine Taschenuhr blickte.

Amarosch, dessen zwergischer Stolz es nicht zuließ, ein mechanisches Problem unbeachtet zu lassen, eilte herbei. Doch selbst seine kräftigen Arme reichten nicht aus, um das schwere Gefährt allein anzuheben. Alrik, der Kutscher, gab knappe Anweisungen. Mit vereinten Kräften – Myrkon, Amarosch und sogar Amir, der sich mit einem „Amir macht sich ungern schmutzig, aber Amir will ankommen“ dazugesellte – gelang es uns gerade so, die Kutsche hochzustemmen. Alrik schob das Rad geschickt zurück auf die Achse und sicherte es.

Der edle Herr stellte sich als Ebelfried Eisinger vor. „Ein Händler aus Albenhus“, stellte Amir fest und registrierte sofort die feine Qualität des Stoffes seiner Kleidung. Zum Dank für die Hilfe bot Eisinger uns an, das letzte Stück des Weges in der Kutsche zu fahren und lud uns später zum Essen in sein Haus ein.

Amir, der die Enge im Inneren von Kutschen seit den Goblins mied, schwang sich flink auf den Bock neben Alrik. Während der Fahrt schnappte er Gesprächsfetzen aus dem Inneren auf: Eisinger handelte mit Koschbasalt. Wieder dieses Wort, bei dem Callan so empfindlich reagierte! Noch erstaunlicher war jedoch, dass Myrkon Eisingers Sohn kannte. Offenbar hatten der Krieger, der Zwerg und der junge Eisinger in der Vergangenheit gemeinsam Abenteuer bestritten. Die Welt am Großen Fluss war klein.

Am Stadttor von Albenhus herrschte reger Betrieb. Ein Mann mit dunkler Haut, in weite Gewänder gehüllt, lieferte sich ein lautstarkes Wortgefecht mit den Torwachen. Er fluchte auf Tulamidia und rief immer wieder „Rastullah!“ in den Himmel.

„Ein Novadi“, flüsterte Amir und zog die Kapuze tiefer. „Vielleicht kennt er den Hehler mit den Büchern?“

Doch bevor Amir die Lage sondieren konnte, wechselte Eisinger ein paar knappe Worte mit den Wachen, und die Kutsche rollte ungehindert in die Stadt.

Kaum hatten wir das Tor passiert, traf uns der Gestank von Albenhus wie eine physische Mauer. Es roch nach altem Fisch, Gerbereien, ungewaschenen Massen und dem brackigen Wasser des Flusses. Amir verzog das Gesicht und zog sich unauffällig ein Seidentuch vor Mund und Nase. „Amir denkt, die Stadt braucht ein Bad. Ein sehr großes Bad.“

zu Gast bei Eisinger

Eisinger, sichtlich stolz auf seine Heimat, deutete auf Sehenswürdigkeiten wie den Traviatempel und das Siechenhaus, doch Amir hatte nur Augen für die Architektur. Schließlich hielten wir vor Eisingers Residenz. Es war ein prächtiges Haus, gewaltig und vollständig aus Stein erbaut – ein klarer Beweis für den Reichtum, den der Koschbasalthandel einbrachte.

Kaum war die Tür offen, eilten Diener herbei und nahmen uns mit geübten Griffen das Gepäck ab. Amir ließ seinen Rucksack nur widerwillig los, versicherte sich aber mit einem schnellen Griff, dass seine 700 Dukaten und die Edelsteine unbemerkt an seinem Körper blieben.

„Luxus“, murmelte Amir, während er über den polierten Steinboden schritt. „Amir könnte sich an weiche Kissen und Diener gewöhnen. Aber Amir wird seine Augen offen halten. Wo viel Stein ist, gibt es auch viele Geheimnisse.“

Das Esszimmer der Eisingers war von einer Pracht, die Amir fast den Atem raubte – und ihm gleichzeitig ein flaues Gefühl im Magen bescherte. Der massive Tisch war für zwölf Personen eingedeckt, das Silber glänzte im Schein der Kerzen so hell, dass Amir unwillkürlich blinzelte. Er rutschte auf seinem gepolsterten Stuhl hin und her. „Amir fühlt sich wie ein Fisch im Sand“, dachte er. „Zu viel Licht, zu viel Platz, zu viele Gabeln.“

Die Stimmung änderte sich merklich, als eine alte Dame in den Raum geführt wurde. Sie war blind, doch ihre Ausstrahlung war so streng wie der Stein, mit dem ihr Sohn handelte. Eisinger stellte sie als seine Mutter vor, gefolgt von seinem Sohn Morko, Myrkons altem Weggefährten. Es war offensichtlich, dass die Übergabe des Familiengeschäfts an Ebelfried tiefe Wunden hinterlassen hatte; ihr Gesicht wurde hart und unzufrieden, als die Sprache darauf kam.

Amir, der in seiner Sippe gelernt hatte, dass man die Ältesten ehren muss – besonders die verbitterten –, fasste sich ein Herz. Er stand auf, verbeugte sich tief und sprach mit einer Sanftheit, die man dem kleinen Dieb kaum zugetraut hätte: „Amir verneigt sich vor der Matriarchin dieses stolzen Hauses. Wenn die edle Dame erlaubt, möchte Amir ihr ein Stück aus seinem fernen Land vortragen.“

Er zog seine Duduck hervor. Die melancholischen, warmen Töne des Holzblasinstruments füllten den hohen Raum. Er spielte ein Lied der Zahori, das die Schönheit und Weisheit der Frauen pries. Amir beobachtete die alte Frau genau. Für einen winzigen Augenblick zuckte ihr Mundwinkel nach oben – ein flüchtiges Lächeln, das in ihrem blinden Gesicht wie ein Sonnenstrahl auf grauem Fels wirkte. Amir setzte das Instrument ab und verbeugte sich erneut. „Das ist Lohn genug für Amirs Spiel“, flüsterte er zufrieden.

Bevor das eigentliche Mahl begann, wurde jedem ein eigenes Zimmer zugewiesen. Amir stand allein in dem prachtvollen Schlafgemach, starrte auf das riesige, weiche Bett mit den seidenen Laken und schüttelte den Kopf. „Amir denkt, das Bett verschluckt einen kleinen Falken einfach“, murmelte er. Er rollte seine eigene Decke auf dem harten Steinboden in der Ecke neben der Tür aus. Dort fühlte er sich sicher. Dort wusste er, wo die Wand war.

Zum Abendessen wurde Nordmaker Pastete gereicht. Während der Wein floss und der Duft von edlen Gewürzen die Luft erfüllte, bat Eisinger um Geschichten. Myrkon und Amarosch berichteten lautstark von ihren Heldentaten, und selbst Callan steuerte einige (stark geschönte) Details bei. Amir jedoch blieb wie gewohnt vage. Er erzählte lieber von der Weite der Straße, vom Stolz seiner Sippe und der alten, weisen Frau, die über sie alle wachte. Er gab genug preis, um höflich zu sein, aber zu wenig, um greifbar zu werden.

Als das opulente Mahl endete, klopfte Morko Myrkon auf die Schulter. „Genug der Förmlichkeiten! Ich lade euch ins ‚Admiral Sanin‘ ein. Dort schmeckt das Bier ehrlicher als dieser feine Wein hier.“ Amir erinnerte sich an das Gebäude, das sie bei der Einfahrt passiert hatten – eine Taverne, die deutlich lebhafter wirkte als das steinerne Grab der Eisingers.

Doch bevor sie aufbrechen konnten, trat Ebelfried Eisinger an sie heran. Sein Blick war nun geschäftsmäßig und ernst. „Besucht mich morgen Vormittag noch einmal hier im Haus“, bat er die Gruppe. „Ich habe einen Auftrag für euch. Einen, der Männer und Frauen eures Schlages erfordert.“

Amir spitzte die Ohren. Ein Auftrag von einem Koschbasalt-Händler bedeutete entweder große Gefahr oder sehr viel Gold. Oder beides. „Amir wird kommen“, dachte er und strich unauffällig über seinen Schlagring. „Aber erst will Amir sehen, ob der ‚Admiral‘ hält, was Morko verspricht. Auch wenn Amir bei Tee bleibt.“