Was bisher geschah (Vorgeschichte -SPOILER-) Schatten über dem Yaquir Die Mittagshitze über Punin flimmerte so stark, dass die Türme der Magierakademie wie Trugbilder wirkten. Amir ibn Alachami lehnte scheinbar schläfrig an einer kühlen Sandsteinmauer, die Kapuze tief im Gesicht, um seine pechschwarzen Augen und die spitzen Ohren des Halbelfen zu verbergen. Mit seinen 163 cm wirkte er wie ein harmloser Knabe, doch seine Sinne waren geschärft wie die eines Luchs. Sein Fuchssinn registrierte das rhythmische Klappern von Münzen lange bevor der dicke Gewürzhändler den Platz betrat. „Amir hat heute Glück“, flüsterte er leise zu sich selbst. Er sprach stets in der dritten Person, ein Tick, den er trotz der strengen Blicke seiner Lehrer innerhalb der Sippe nie abgelegt hatte. „Die Sterne stehen gut für Amir.“ Plötzlich spürte er einen stechenden Blick im Nacken. Er wirbelte herum, die Hand glitt bereits zum Schlagring, doch er erstarrte. Im Schatten eines Marktstandes stand eine hagere Frau mit wettergegerbtem Gesicht: Leyla, ein älteres Mitglied der al'Fahan-Sippe. Sie blickte ihn ernst an und ihre Finger begannen sich in schnellen, fließenden Bewegungen zu formen. Es war Atak, die lautlose Zeichensprache der Zahori. „Der Rat wartet, kleiner Falke“, signalisierten ihre Hände. „Das Gold der Straße gehört der Sippe, nicht nur deinem Magen.“ Amir schluckte. Seine Verpflichtungen gegenüber der Sippe waren wie ein unsichtbares Halsband, das ihn enger schnürte als jede Stadtwache. Er antwortete hastig in derselben stummen Sprache: „Amir liefert. Amir hat das Glitzern im Blick.“ Um Leyla zu beeindrucken – und um seine eigene Goldgier zu rechtfertigen – fixierte er den Händler. Ohne ein Wort zu sprechen, konzentrierte er sich auf das Gefühl in seinem Bauch. Er war ein intuitiver Zauberer, für ihn war Magie kein Studium, sondern ein Reflex. Ein kurzes Schnipsen seiner Finger schuf ein winziges Geräusch hinter dem Händler. Als dieser sich verwirrt umdrehte, glitt Amir vorwärts. Seine Fingerfertigkeit war phänomenal. Mit dem Weg des Taschendiebes in seinem Blut war der schwere Beutel des Mannes bereits in Amirs weiten Ärmel gewandert, noch bevor der Händler sich wieder zurückdrehte. Doch Feqz war ein launischer Gott. Ein herrenloser Hund bellte und eine Garde-Patrouille am Ende der Gasse wurde aufmerksam. „He! Stehenbleiben!“, dröhnte eine Stimme. Amir geriet nicht in Panik. Er summte intuitiv eine Melodie. Die Welt um ihn herum schien einzufrieren, während seine eigenen Beine sich mit übernatürlicher Geschwindigkeit bewegten. Er rannte nicht einfach; er schien über das Pflaster zu fliegen. Als er in eine enge Sackgasse einbog, presste er sich gegen das Mauerwerk und webte das Chamaelioni um seinen Körper. Seine Kleidung und Haut nahmen die Farbe des staubigen Steins an. Er hielt den Atem an, während die Gardisten schwerfällig an ihm vorbeistapften. Später traf er Leyla an einem abgelegenen Brunnen. Der Geruch von abgestandenem Wasser stach in seiner Nase – sein sensibler Geruchssinn war Fluch und Segen zugleich. Er händigte ihr den Beutel aus, behielt aber heimlich die hälfte der Dukaten für sich zurück. „Amir ist ein guter Sohn der al'Fahan“, sagte er laut und grinste breit, wobei seine schwarzen Haare unter der Kapuze hervorkamen. „Aber Amir hofft, dass die Sippe niemals zum Meer zieht. Amir bleibt lieber in den staubigen Gassen von Punin, wo der Boden fest ist und das Gold laut klappert.“ Leyla nickte nur kurz und verschwand in der Menge. Amir blieb zurück, allein mit seinem Hunger und seinem unfehlbaren Zeitgefühl , das ihm sagte, dass es bald Zeit für ein bescheidenes Abendessen war – natürlich ohne Alkohol, denn schon der Gedanke an Wein ließ seinen Magen rebellieren. Amir spürte ein vertrautes Kribbeln in der Magengrube, das nichts mit Hunger zu tun hatte. Sein Fuchssinn meldete sich – jenes instinktive Gespür für Gelegenheiten, das ihn in den labyrinthischen Gassen Punins schon oft vor dem Verhungern bewahrt hatte. Leyla war längst in der Menge verschwunden, doch die Worte, die sie in Atak geformt hatte, hallten in seinem Kopf nach. Es ging um ein altes Versteck der al’Fahan, tief unter dem Pflaster der Stadt, das seit Generationen als Legende galt. „Amir glaubt, der Boden flüstert zu ihm“, murmelte er und strich mit seinen flinken Fingern über die rauen Sandsteine einer Häuserwand. Er konzentrierte sich. Seine Zwergennase, diese seltsame, fast magische Gabe für verborgene Hohlräume, leitete ihn weg von den belebten Plätzen hin zu den Fundamenten der alten Stadtviertel. Er hockte sich hin und tat so, als müsse er seine Lederschuhe richten, während seine Augen die Umgebung scannten. Der Geruch von feuchtem Schlamm und altem Stein stach ihm in die Nase – sein sensibler Geruchssinn war hier unten fast eine Qual, doch er verhalf ihm auch zu einer Spur. Da war es: Ein kühler Lufthauch, der aus einer Mauerritze drang, die für jeden gewöhnlichen Menschen unsichtbar gewesen wäre. „Amir hat es gefunden. Amir ist ein Genie“, flüsterte er. Mit einer geschickten Bewegung zog er sein Dietrichset aus der Gürteltasche. Seine Fingerfertigkeit ließ die Werkzeuge fast wie von selbst tanzen. Es war kein gewöhnliches Schloss; es war ein Mechanismus, der Geduld und Feingefühl erforderte. Er stellte sich dumm, falls Passanten vorbeikamen, und summte ein leises Lied der Zahori, während er den Widerstand im Schloss suchte. Klick. Hinter einer verborgenen Steinplatte öffnete sich ein schmaler, dunkler Schacht. Amir zögerte keinen Moment. Dank seiner Dunkelsicht war die Schwärze für ihn kein Hindernis; die Umrisse des Ganges zeichneten sich vor seinen schwarzen Augen so klar ab wie bei hellem Tageslicht. Er glitt hinein, geschmeidig wie ein Schlangenmensch. Der Tunnel führte steil nach unten, weg von der Hitze Punins in eine klamme Kälte. Plötzlich hielt er inne. Sein Gehör fing ein Geräusch auf – das ferne Rauschen von Wasser. Sofort verkrampfte sich sein ganzer Körper. Die Angst vor dem Meer und tiefen Gewässern saß tief in seiner Seele. War das der Yaquir? Oder nur die Kanalisation? Sein Atem ging flach. „Amir mag das nicht. Wasser ist böse. Wasser will Amir fressen“, keuchte er in der dritten Person. Doch seine Goldgier war stärker als die Furcht. Er dachte an die glänzenden Dukaten, die hier unten warten könnten. Er griff nach seinem Schlagring, um sich mutiger zu fühlen, und schlich weiter. Am Ende des Ganges stieß er auf eine schwere Eichentür. Erneut kam sein magisches Erbe zum Vorschein. Er war kein Gelehrter der Magiekunde – die theoretischen Begriffe der Akademiker waren ihm völlig fremd –, aber er verstand die Essenz der Kraft. Er konzentrierte sich auf das Schloss und webte eine Einfache Telekinese, um die inneren Riegel zu ertasten. Die Tür schwang lautlos auf. Dahinter lag eine kleine Kammer, gefüllt mit dem Staub von Jahrzehnten. In der Mitte stand eine alte Holzkiste. Amir stürzte darauf zu, seine Finger zitterten vor Aufregung. Er öffnete sie und das matte Leuchten von altem Silber kam zum Vorschein. „Amir wird reich sein! Amir wird der König der al’Fahan!“, jubelte er leise. Er begann, die Münzen gierig in seinen Tuchbeutel zu stopfen. Doch sein Zeitgefühl warnte ihn; er war schon zu lange hier unten. Die Wachen oben würden bald den Wachwechsel vollziehen, und er musste verschwinden, bevor sein Verschwinden bemerkt wurde. Mit der Beute fest an die Brust gepresst, trat er den Rückweg an. Er fühlte sich flink und unbesiegbar. Punin mochte eine Stadt der Gelehrten sein, aber für Amir ibn Alachami war sie ein Spielplatz aus Gold und Schatten. Amir spürte das angenehme Gewicht der Silbermünzen an seiner Hüfte, während er durch die schmalen Gassen des Viertels am Yaquir-Ufer huschte. Sein Zeitgefühl sagte ihm, dass die Dämmerung kurz bevorstand – die beste Zeit, um in den Schatten von Punin unterzutauchen. Er steuerte einen unscheinbaren Hinterhof an, in dem der Gestank von Abfällen und billigem Tran fast unerträglich war. Für Amirs sensiblen Geruchssinn war dieser Ort eine Qual, doch hier befand sich der Zugang zum „Basar der verlorenen Schätze“. „Amir mag diesen Ort nicht. Amir findet, es riecht hier nach nassem Hund“, murmelte er und zog sein Halstuch fester über die Nase. Er passierte einen bulligen Türsteher, dem er mit einem schnellen Handzeichen in Atak signalisierte, dass er zur Sippe der al’Fahan gehörte. Im Inneren des Schwarzmarktes herrschte ein diffuses Licht, das Amirs Dunkelsicht kaum forderte. Er steuerte zielstrebig den Stand von „Einauge“ Goran an, einem Hehler, der für seine harten Preise bekannt war. Amir wusste, dass er hier vorsichtig sein musste. Seine Goldgier flüsterte ihm zu, dass jede Münze zählte. „Amir hat Schätze aus der Tiefe gebracht“, begann er das Gespräch und legte die alten Silbermünzen auf den hölzernen Tresen. „Amir denkt, dass Goran heute sehr großzügig sein wird.“ Goran begutachtete das Silber misstrauisch. „Das Zeug ist alt, Junge. Wer weiß, ob das in Punin überhaupt noch jemand annimmt.“ Amir setzte sein unschuldigstes Lächeln auf – er stellte sich gern dumm, während sein Verstand bereits die nächste Lüge wob. „Amir ist nur ein kleiner Halbelf, der im Schlamm gespielt hat. Aber Amir weiß, dass dieses Silber rein ist wie das Licht von Madaya.“ Er nutzte sein Talent für das Herausreden, um den Wert der Fundstücke in den höchsten Tönen zu preisen. Um den Deal zu besiegeln, griff er tief in seine Trickkiste. Mit einem unauffälligen Glücksgriff – einem seiner kleinen Zaubertricks – lenkte er Gorans Aufmerksamkeit für einen Moment ab, während er eine besonders glänzende Münze so im Licht drehte, dass sie fast magisch funkelte. „Schau nur, wie es glänzt. Amir denkt, Goran möchte dieses Funkeln in seiner Kiste haben“, schmeichelte er weiter, wobei er seine Fähigkeit zum Überreden voll ausschöpfte. Nach einem zähen Feilschen einigten sie sich. Goran schob Amir einen kleinen Stapel glänzender Dukaten zu. Amir zählte sie blitzschnell mit seiner Begabung für das Rechnen nach. „Amir ist zufrieden. Amir wird nun gehen, bevor der Wein hier ausgeschenkt wird“, sagte er mit einem Seitenblick auf ein offenes Fass, denn seine Unverträglichkeit gegenüber Alkohol ließ ihn bei solchen Anblicken schaudern. Er verstaute das Gold sicher in seiner Gürteltasche, strich über seinen Schlagring, um sich für den Heimweg gewappnet zu fühlen, und verschwand mit der Geschmeidigkeit eines Schlangenmenschen wieder in der Nacht. Amir verließ den Schwarzmarkt mit einem zufriedenen Wiegen in seinem Schritt, das Gewicht der neuen Dukaten in seiner Gürteltasche fühlte sich herrlich an. Doch kaum hatte er die stinkende Gasse hinter sich gelassen, schlug sein Fuchssinn Alarm. Es war kein Geräusch, das ihn warnte, sondern ein plötzliches Prickeln in seinem Nacken, das seine Sinnesschärfe befeuerte. „Amir glaubt, er hat Gesellschaft“, flüsterte er kaum hörbar. Er blieb nicht stehen, um nachzusehen – das wäre dumm gewesen, und Amir stellte sich nur gern dumm, er war es nicht. Stattdessen nutzte er sein Zeitgefühl, um den Rhythmus seiner Schritte beizubehalten, während seine Ohren, geschärft durch den Herausragenden Sinn (Gehör), das Scharren von Stiefeln auf dem feuchten Kopfsteinpflaster hinter ihm auffingen. Zwei Gestalten, eingehüllt in grobe Umhänge, lösten sich aus der Dunkelheit. Sie hatten ihn wohl seit Gorans Stand im Auge behalten. „He, kleiner Halbelf!“, rief einer mit einer Stimme, die nach zu viel billigem Fusel klang. „Lass uns mal sehen, was du da in die Tasche gesteckt hast.“ Amir verzog das Gesicht. Seine Unverträglichkeit gegenüber Alkohol ließ ihn den Dunst des Angreifers schon aus der Ferne verabscheuen. „Amir hat nur Steine in seiner Tasche. Sehr schwere Steine. Wollt ihr sie fühlen?“, antwortete er und griff blitzschnell nach seinem Schlagring. Doch Kämpfen war für Amir immer die letzte Wahl. Er war flink und bevorzugte es, seine Feinde ins Leere laufen zu lassen. Als die beiden Schläger auf ihn zustürmten, konzentrierte er sich auf die magische Energie in seinem Inneren. Ohne eine einzige akademische Formel der Magiekunde zu kennen, rief er die Kraft des Axxeleratus herbei. Die Welt um ihn herum schien plötzlich in Zeitlupe zu erstarren. Amir wich dem ersten Hieb mit einer geschmeidigen Bewegung seines Schlangenmensch-Körpers aus. Bevor die Angreifer begriffen, was geschah, war er bereits an ihnen vorbeigeschlüpft. „Amir ist hier! Nein, Amir ist dort!“, spottete er, während er in eine besonders dunkle Nische sprang. Er nutzte seine Dunkelsicht, um einen schmalen Vorsprung an der Hauswand zu finden. Mit einem Satz und der Kraft seiner Körperbeherrschung zog er sich nach oben. Oben angekommen, webte er das Chamaelioni um sich. Sein Körper und seine Kleidung verschmolzen mit dem grauen Stein des Gebäudes. Die Verfolger stoppten unter ihm, fluchten und sahen sich verwirrt um. „Wo ist die kleine Ratte hin?“, knurrte einer. Sie ahnten nicht, dass der Halbelf nur wenige Schritt über ihren Köpfen völlig unsichtbar an der Wand klebte. Amir wartete geduldig, bis ihre Schritte in der Ferne verhallten. Sein Weg des Taschendiebes hatte ihn gelehrt, dass Geduld oft mehr wert war als Gold. Erst als er sich sicher war, löste er den Zauber und kletterte behände herab. „Amir denkt, Punin ist heute Nacht besonders unhöflich“, stellte er fest und klopfte sich den Staub von seiner Tunika. Er musste zurück zu seiner Sippe, den al'Fahan, um seinen Verpflichtungen nachzukommen. Mit einem letzten Blick über die Schulter und einem zufriedenen Klopfen auf seinen prallen Geldbeutel verschwand er in den sicheren, vertrauten Schatten der Stadt. Das Lager der al’Fahan lag versteckt außerhalb der südlichen Stadtmauer Punins. Der Geruch von gebratenem Lamm und Gewürzen lag in der Luft, was Amirs Magen knurren ließ, doch sein sensibler Geruchssinn fing auch etwas anderes auf: den scharfen, beißenden Geruch von Angstschweiß und billigem Wein. Amir schlich näher, die Beute fest an die Hüfte gepresst. Er sah Leyla und das Sippenoberhaupt Alachami im Schein eines kleinen Feuers stehen. Sie stritten nicht laut, doch ihre Mienen waren finster. Amir blieb im Schatten einer zerfallenen Säule stehen. Er war zu weit weg, um ihre Worte gegen das Knistern des Feuers zu hören, doch das war kein Problem für ihn. Er konzentrierte sich, starrte auf die Lippen von Alachami und nutzte sein Talent zum Lippenlesen. „...der Steuereintreiber... er kennt die Namen... er wird uns aus der Stadt jagen“, las Amir von den Lippen des Alten ab. Alachami hielt ein Pergament in der Hand, ein offizielles Dokument der Stadtverwaltung. Amir kramte in seinem Gedächtnis. Dank seines Guten Namensgedächtnisses blitzte sofort ein Gesicht vor seinem geistigen Auge auf: Ratsherr Valerius von Punin. Er hatte diesen Namen vor Wochen in einem Gespräch zwischen zwei betrunkenen Gardisten gehört, während er unter ihrem Tisch hockte. „Amir kennt diesen Mann“, sagte er laut und trat aus dem Schatten. Die Umstehenden zuckten zusammen. „Amir weiß, dass Ratsherr Valerius eine Schwäche für seltenes Silber hat. Und Amir hat heute genau das gefunden.“ Er trat zum Feuer und leerte einen Teil seines Beutels aus. Das antike Silber der al'Fahan funkelte im Licht. Das Sippenoberhaupt hob eine Braue. „Du warst im alten Versteck, Taugenichts?“ „Amir war dort, wo die Ratten tanzen“, antwortete er grinsend und sprach wie gewohnt in der dritten Person. „Amir denkt, wenn Valerius dieses Silber sieht, wird er vergessen, dass die al'Fahan Steuern zahlen müssen.“ Doch die Stimmung kippte, als ein fetter, fremder Mann aus einem der Zelte trat. Er schwankte leicht und hielt einen Weinschlauch in der Hand. Es war ein Informant der Garde, der offensichtlich gekommen war, um Schmiergeld einzutreiben. Als er an Amir vorbeiging, schwappte ein Schwall Wein über dessen Stiefel. Amir erschauderte. Seine Unverträglichkeit gegenüber Alkohol war so stark, dass ihm allein vom Dunst schwindelig wurde. „Amir mag das nicht! Der Mann stinkt nach Verderben!“, rief er angewidert und sprang mit der Geschmeidigkeit eines Schlangenmenschen zurück, um dem nächsten Spritzer auszuweichen. Alachami lachte heiser. „Bring das Silber zum Ratsherrn, Amir. Wenn du uns diese Last vom Hals schaffst, wird die Sippe deine Verpflichtungen für diesen Mond als erfüllt ansehen.“ Amir nickte eifrig. Die Aussicht, für eine Weile frei von den ständigen Forderungen der Sippe zu sein, war fast so gut wie das Gold selbst. Er nahm sich ein Stück Fladenbrot mit Lammfleisch, mied den betrunkenen Informanten weiträumig und begann bereits in seinem Kopf zu planen. „Amir wird gehen. Amir wird den Ratsherrn um den Finger wickeln“, murmelte er, während er die Dunkelheit der Stadt ansteuerte. Mit seinem Zeitgefühl wusste er genau, dass er den Ratsherrn noch vor seinem Abendessen in der Villa erreichen konnte – dem perfekten Moment für eine kleine Bestechung unter „Gentlemen“. Amir hockte auf dem First eines Nachbarhauses und starrte auf die prächtige Villa des Ratsherrn Valerius. Das Gebäude war ein Protzbau aus weißem Marmor, typisch für die puniner Oberschicht. „Amir denkt, der Ratsherr hat zu viel Platz für zu wenig Leute“, murmelte er. Sein Plan war simpel: Er wollte direkt in das Arbeitszimmer. Doch wie man eine magische Barriere erkennt oder ein Pentagramm von einem simplen Siegel unterscheidet? Davon hatte Amir keinen blassen Schimmer. Wenn man ihn nach der Theorie hinter seinen Kräften fragte, blickte er meist nur mit seinen großen, schwarzen Augen drein und zuckte mit den Achseln. Für ihn war Magie wie Atmen – man tat es einfach. Dass Gelehrte an der Akademie Jahre damit verbrachten, Sphaerenmodelle und Kraftlinien zu studieren, hielt er für reine Zeitverschwendung. Seine Unfähigkeit in Magiekunde war legendär; er konnte kaum einen Heilzauber von einem Fluch unterscheiden, solange er ihn nicht am eigenen Leib spürte. „Amir braucht keine Bücher. Amir braucht nur Schatten“, sagte er und konzentrierte sich. Er aktivierte das Chamaelioni. Seine Haut und die abgetragene Zahori-Kleidung nahmen die Farbe der dunklen Dachziegel an. Dann, mit der Geschmeidigkeit eines Schlangenmenschen, glitt er an einem Regenrohr hinab. Er erreichte das Fenster im ersten Stock. Es war verriegelt, doch für seine Schlangenhände – jene flinken, fast knochenlos wirkenden Finger – war der Riegel kein Hindernis. Ein leises Klicken, und er schlüpfte ins Innere. Das Arbeitszimmer roch nach altem Pergament und teurem Wachs – und zu Amirs Leidwesen nach einem abgestandenen Weinbrand, der in einer Karaffe auf dem Tisch stand. Sein sensibler Geruchssinn rebellierte sofort, und er musste sich beherrschen, nicht laut zu niesen. Plötzlich hörte er Schritte. Amir wirbelte herum und sah eine Gestalt in der Tür. Es war nicht der Ratsherr, sondern dessen privater Magister, ein hagerer Mann in violetter Robe. Der Magier hielt inne und starrte genau in Amirs Richtung. Er schien etwas zu spüren. „Wer ist da? Ich fühle eine… ungeordnete, fast chaotische magische Präsenz“, rief der Magister und begann, eine formelhafte Geste zu weben. Amir geriet in Panik. Ein geschulter Magier hätte nun vielleicht einen Gegenzauber gewirkt oder die magische Struktur analysiert. Aber Amir? Amir wusste nicht einmal, was eine „magische Präsenz“ war. Er tat das Einzige, was er konnte: Er verließ sich auf seine Intuition. „Amir ist nicht hier!“, rief er (was seine Tarnung natürlich sofort ruinierte) und aktivierte den Blitz dich find. Ein greller, magischer Lichtstrom schoss aus seinen Fingern. Der Magister, der mit einem komplizierten akademischen Duell gerechnet hatte, wurde von der rohen, instinktiven Wucht des Blendzaubers völlig unvorbereitet getroffen. Er taumelte schreiend zurück und hielt sich die Augen. Amir nutzte die Verwirrung. Er sprang auf den Schreibtisch, legte den Beutel mit dem antiken Silber direkt auf das offene Steuerdokument der Sippe und kritzelte mit einer Schreibfeder eine kleine, krumme Zeichnung eines Falken – das Zeichen der al'Fahan – daneben. „Amir hat geliefert. Jetzt muss Amir rennen!“, keuchte er. Mit einem flüchtigen Axxeleratus in den Beinen hechtete er aus dem Fenster, noch bevor der Magister wieder klar sehen konnte. Er landete weich auf dem Rasen und verschwand in der Dunkelheit der Puniner Nacht. Er hatte keine Ahnung von „astralen Mustern“ oder „Matrixdeformationen“, aber er wusste eines: Morgen würde der Ratsherr das Silber finden, und die al'Fahan hätten ihre Ruhe. Amir hockte außer Atem in einer schmalen Gasse, während das ferne Rufen der Gardisten langsam verhallte. Er griff nach seiner Gürteltasche, um die Beute zu prüfen. Doch neben dem Silber stieß er auf etwas, das er im Eifer des Gefechts mit seinen Schlangenhänden blindlings vom Schreibtisch gewischt hatte. Es war ein kleiner, unscheinbarer, geschliffener Glasstein in einer schlichten Fassung. Amir kniff die Augen zusammen. „Amir denkt, das ist ein Rubin! Ein riesiger, roter Stein!“, flüsterte er aufgeregt. Dass es sich in Wahrheit nur um eine optische Linse handelte, bemerkte er in seiner Gier nicht – seine Einschätzung war völlig falsch, doch für Amir leuchtete das Glas wie der wertvollste Schatz von Punin. Er wusste nicht, dass Ratsherr Valerius dieses Glas nutzte, um Fälschungen in Akten zu entlarven. Doch in Amirs Händen, gepaart mit seinem instinktiven Fuchssinn, geschah etwas Merkwürdiges. Als er den Stein probehalber fest umschloss und seinen Chamaelioni wirkte, fühlte es sich anders an als sonst. Das Licht um ihn herum schien sich nicht nur anzupassen, es schien regelrecht um ihn herumgebogen zu werden. Er eilte zum Wagen der alten Zarpa. Die Seherin blickte nicht erschreckt, sondern eher belustigt auf den gläsernen Fund. „Du törichter Junge“, lachte sie heiser. „Du denkst, du hast den Stein eines Königs, dabei hast du nur das Auge eines Buchhalters gestohlen.“ Sie erklärte ihm, dass dieses Glas seine Dunkelsicht verstärken könne, wenn er hindurchblickte. „Es wird dir helfen, die Welt zu sehen, wenn Praios sein Antlitz abwendet. Und wenn du dich versteckst, wird es dein Bild für die Augen der Jäger verschleiern.“ Doch Zarpa legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Aber hüte dich, Amir. Du hast keine Ahnung von Magiekunde. Du weißt nicht, wie man dieses Glas reinigt oder die fremde Kraft darin bändigt. Wenn du zu lange hindurchstarrst, wird dein eigenes Auge dich verraten. Die Welt wird verschwimmen, weil du dich zu sehr auf das Glas verlässt und nicht auf deinen eigenen Sinn.“ Amir steckte die Linse sorgfältig weg. „Amir wird vorsichtig sein. Amir mag keine trüben Augen.“ Er spürte, dass der Ratsherr dieses Objekt zurückhaben wollte – vielleicht sogar mehr als das Silber. Es war Zeit, Punin zu verlassen. Die Flucht nach Westen Punin wurde Amir zu heiß. Die Stadtwache und die Magier des Ratsherrn suchten nach der „Schattenlinse“, und die alte Zarpa hatte recht behalten: Es war Zeit für den „kleinen Falken“, die Flügel auszubreiten. Sein Weg führte ihn weit nach Westen, quer durch das Königreich Garetien bis in die stolze Stadt Elenvina, die Hauptstadt Albernias. Amir mochte Elenvina auf den ersten Blick. Die Stadt am Großen Fluss war geschäftig, voller Händler und – was für ihn am wichtigsten war – voller praller Geldbeutel. Doch Elenvina barg eine grausame Prüfung für den Halbelfen: Den Großen Fluss. Das gewaltige Wassermasiv schüchterte ihn ein, und seine tiefe Angst vor dem Meer und großen Wassermassen ließ ihn jedes Mal erschauern, wenn die Gischt gegen die Kaimauern schlug. Der Beutelschneider von Elenvina Eines Abends, als der Nebel vom Fluss in die Gassen kroch, entdeckte Amir sein Ziel. Ein Edelmann, gehüllt in teures Tuch, schritt etwas zu siegessicher durch die Nähe des Hafens. Amirs Goldgier flüsterte ihm zu, dass dieser Mann mehr als nur ein paar Heller bei sich trug. Mit der Geschmeidigkeit seines Schlangenmensch-Körpers glitt Amir durch die Schatten. Er nutzte die Schattenlinse, um im trüben Zwielicht jede Bewegung des Edelmanns genau zu fixieren. Ein kurzes, lautloses Manöver, ein präziser Schnitt mit seinem Federmesser – der Weg des Taschendiebes war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Zurück in einem sicheren Verschlag zählte er die Beute. Neben einer Handvoll Silbermünzen förderte er zwei Dinge zu Tage, die sein Schicksal besiegeln sollten: Eine grob mit Kohlestift gezeichnete Karte. Ein mysteriöses Schreiben. Goldgier gegen Todesangst Die Karte zeigte einen Ort namens Appelquell. Amir hatte sich bereits in der Stadt durchgefragt; das Dorf lag weit den Großen Fluss hinauf. Das Schreiben deutete auf einen weitaus größeren Schatz hin, als er heute Nacht ergattert hatte. Seine Augen leuchteten auf. „Amir sieht das Gold. Viel Gold in Appelquell“, murmelte er in der dritten Person. Doch dann blickte er aus dem Fenster auf die dunklen, strömenden Wassermassen des Flusses. Sein Herz hämmerte. Auf ein Schiff steigen? Freiwillig? Die Angst schnürte ihm die Kehle zu, doch die Goldgier war wie ein brennendes Feuer in seiner Brust, das selbst die Kälte des Flusses übertönte. „Amir mag das Wasser nicht. Wasser ist nass und tief und hungrig“, flüsterte er und presste die Karte an sich. „Aber Amir mag Gold mehr. Amir wird das Schiff besteigen. Amir wird nach Appelquell fahren.“ Am nächsten Morgen suchte er sich einen Kahn, der flussaufwärts Richtung Norden stieß. Mit bleichem Gesicht, den Blick starr auf die Planken gerichtet, um das Wasser nicht sehen zu müssen, betrat er das Deck. Sein Abenteuer auf dem Großen Fluss hatte begonnen. Zwischen Fluss und Finsternis Der Große Fluss zieht schwer und breit unter dem wolkenverhangenen Himmel dahin, als Amir bei Appelquell von Bord geht. Seine Knie zittern noch immer von der Überfahrt, und er küsst fast den festen Boden, als das Schiff seine Fahrt träge und gleichgültig fortsetzt. „Amir hasst Schiffe. Schiffe sind hölzerne Särge auf hungrigem Wasser“, murmelt er und rückt seine Ausrüstung zurecht. Er folgt dem schmalen Pfad flussaufwärts, weg von der nassen Gefahr. In seiner Tasche knittert das Schreiben, das er in Elenvina einem Edelmann stibitzt hat. Es ist in kompliziertem Gelehrten-Garethi verfasst, voll von hochtrabenden Worten, die Amir kaum entziffern kann – für Magiekunde und akademischen Kram hat er kein Auge. Aber das Wesentliche glaubt er verstanden zu haben: Ein abgelegenes Tal, ein Bach, der in den Großen Fluss mündet, keine Tagesreise von hier. Dort soll Ungorosch liegen, eine verlassene Zwergenstadt. Ein Fluch liegt darauf, aber noch viel wichtiger: Schätze! Amirs Goldgier brennt heißer als die Angst vor dem Fluch. Der Weg ins Landesinnere wird rasch enger und steigt langsam Richtung Eisenwald an. Wie auf der Karte vermerkt, leitet ihm ein Bach den Weg ins besagte Tal. Je weiter er ihm folgt, desto deutlicher wird ihm, dass dieser Ort selten von Reisenden betreten wird. Das Unterholz kratzt an seinen Beinen, und die Schatten der Bäume wirken länger, als sie sein sollten. Als er einen dichten Waldabschnitt durchquert, wird ihm plötzlich mulmig. Seine Nackenhaare stellen sich auf, und sein Fuchssinn schreit Warnungen. Amir lauscht in das Wirrwarr der Bäume. Absolute Stille. Sein Gehör fängt keinen Vogelzug, kein Rascheln ein. Fast unbewusst konzentriert er sich und wirkt den Chamaelioni, während seine Hand fest die Schattenlinse umschließt. Doch gerade als ihn das gewohnte Gefühl durchströmt, mit der Umgebung zu verschmelzen, stürzen sich von oben gierige Leiber auf ihn. Amir landet flach auf dem Boden, spürt haarige Hände, die wild nach ihm greifen. Ein widerlicher Geruch nach ungewaschenem Fell und ranzigem Fett schlägt ihm entgegen – ein Albtraum für seinen sensiblen Geruchssinn. Mindestens fünf oder sechs kleine, rotpelzige Kreaturen stehen um ihn herum. „Goblins!“, quiekt Amir. Sie packen ihn, kreischen ihn mit unverständlichen Lauten an und zerren an seinen Habseligkeiten. Amir umklammert seine Tasche mit dem Silber und der Linse, fest entschlossen, nichts davon herzugeben, doch gegen die Übermacht ist er machtlos. Sie zerren ihn tiefer in den Wald. Welche Wahl hat Amir schon? Sie führen ihn in eine Art Dorf. Eine Vielzahl kleiner Hütten, gebaut aus allem, was hier im Wald zu finden ist, umringt mehrreihig eine große Feuerstelle. Dort steckt man ihn in einen hölzernen Käfig. Nach kurzem Warten kommt eine wild aussehende weibliche Goblin-Schamanin aus der größten Hütte und geht auf ihn zu. „Du! Zauberer?“, fragt sie und deutet mit einer bunt verzierten Keule auf ihn. Amir lacht betont erheitert, während seine dunklen Augen hektisch nach einem Fluchtweg suchen. „Zauberer? Amir? Nein, Amir ist nix Zauberer!“ Er denkt an die staubigen Magier in Punin. „Amir ist nur ein kleiner Reisender.“ „Dann du stark?“, fragt sie weiter. „Auch nicht“, antwortet er mit einem gespielten, unterwürfigen Grinsen. „Dann du uns nicht helfen können“, entgegnet sie und macht eine herrische Geste. Die übrigen Goblins stürzen sich auf den Käfig, entreißen ihm seine Sachen und tragen sie in die große Hütte. „Zum Glück erachten sie Amirs Amulett als wertlos“, denkt er bei sich und umklammerst fest das hölzerne Sippenzeichen der al'Fahan, das er unter seiner Kleidung verborgen hat. So lassen sie ihn vorerst im Käfig sitzen. „Wenn hier nur nicht so viele Goblins wären,“ denkt er sich grimmig, „dann könnte dieser Käfig Amir auch nicht aufhalten.“ Mit seinen Schlangenhänden und seinem Dietrich wäre die Tür ein Kinderspiel, doch die schiere Anzahl der Rotpelze macht eine Flucht unmöglich. Er beobachtet die Goblins. Dank seines scharfen Gehörs und seiner Sinnesschärfe fällt ihm auf, dass diese Kreaturen gereizt und übermüdet sind. Schon Kleinigkeiten beim Essen lösen Streitereien aus. Überall dösen Goblins ein und schrecken kurz darauf mit weit aufgerissenen Augen wieder hoch. Nach einiger Zeit kommt Tumult ins Lager. Eine Gruppe Goblins schleppt eine bewusstlose Person herbei: eine Halbelfin mit rotem Haar, gekleidet in eine graue Robe und einen spitzen Hut. Ein Magierstab wird ihr abgenommen und auf einen Tisch nahe dem Käfig gelegt. „Waren die Goblins zu ihr noch grober als zu Amir?“, fragt er sich mitleidig, als sie mit einer Platzwunde am Kopf zu ihm in den Käfig geworfen wird. Irgendwann kommt sie zu sich. Amir hält sich im Hintergrund und lauscht, als die Schamanin sie befragt. Die Fremde gibt zu, eine Zauberin zu sein. Die Schamanin wird aufgeregt: Schlimme Albträume rauben dem Stamm den Schlaf, und böse, wandelnde Bäume im Norden versperren die Jagdgründe. Sie spricht von einem „Waldweisen“, der früher umgänglich war, nun aber griesgrämig und verschwunden ist. Amir mustert seine neue Zellengenossin. Eine echte Magierin? Vielleicht kann sie ihm helfen, seine Sachen zurückzubekommen – vor allem die Schattenlinse. „Amir denkt, die Dame mit dem spitzen Hut sollte aufwachen“, flüstert er leise zu ihr. „Amir mag keine Käfige, und Amir mag keine griesgrämigen Bäume.“