eine Herberge

Die Dunkelheit legte sich wie eine schwere, samtene Decke über den Wald der wandelnden Bäume. Das Knacken von trockenem Holz und das ferne Rauschen der Blätter wirkten in der Nacht weitaus bedrohlicher als am Tag.

Myrkon und Amarosch begannen routiniert mit den Vorbereitungen für die Nacht. Der Krieger von den Zyklopeninseln räumte mit kräftigen Griffen den Boden frei, während der Zwerg, trotz seiner Verletzung vom Nachmittag, mit fast schon unheimlicher Präzision ein kleines, gut abgeschirmtes Feuerloch grub.

Amir stand etwas abseits und beobachtete sie aus seinen pechschwarzen Augen. In Punin oder den Gassen der Zahori hätte er gewusst, wo man den sichersten Unterschlupf findet – meist in einer Nische zwischen zwei warmen Mauern oder auf einem gut versteckten Dachboden. Aber hier? Der Wald war ihm fremd. „Amir ist ein Kind des Pflasters, nicht der Wurzeln“, dachte er bei sich. Doch er blieb nicht untätig stehen. Er stellte sich zwar wie gewohnt ein wenig unbeholfen an, ließ aber keinen Handgriff der beiden Kämpfer aus den Augen. Er prägte sich ein, wie Amarosch den Wind prüfte, bevor er die Feuerstelle platzierte, und wie Myrkon die Schlafplätze so anordnete, dass man im Notfall schnell zu den Waffen greifen konnte. „Amir lernt. Amir wird bald wissen, wie man den Wald überlistet.“

 Sein Blick glitt hinüber zur Magierin. Die Halbelfin in ihrer grauen Robe saß auf einem umgestürzten Stamm und starrte ins Leere. Ihr Blick war verloren, fast so, als wäre ihr Geist noch immer bei dem Waldschrat oder den rätselhaften Träumen der Goblins. Sie wirkte in diesem Augenblick zerbrechlich, weit weg von der Macht, die man einer Zauberin zuschrieb.

Ein seltener Moment des Mitgefühls regte sich in dem jungen Zahori. Er kramte in seinem Bündel, das er den Goblins so mühsam wieder abgeluchst hatte, und zog eine schwere Reisedecke hervor. Mit einer fließenden Bewegung, die seine Ausbildung als Schlangenmensch verriet, warf er sie der Frau zu.

„Hier, die Dame mit dem spitzen Hut“, sagte er in seiner distanzierten, aber nicht unfreundlichen Art. „Amir denkt, dass Zittern nicht gut für die Konzentration ist. Und Amir braucht eine wache Magierin, falls die Bäume heute Nacht beschließen, spazieren zu gehen.“

Die Decke landete weich auf ihren Knien. Sie schreckte kurz aus ihrer Trance auf und sah ihn an. Amir wich ihrem Blick jedoch sofort aus und wandte sich wieder Amarosch zu, um ihm beim Schichten des Brennholzes zuzusehen. Er traute ihr immer noch nicht – die Ungewissheit, ob sie ihn im Wald verzaubert hatte, nagte an ihm – aber ein erfrorener Gefährte nützte niemandem etwas.

Als das Feuer schließlich klein und heiß brannte, hockte sich Amir in den Schatten am Rand des Lagers. Er fühlte die leichte Schärfe seiner Kratzwunden von den Dornen und den Hunger in seinem Magen. Während die anderen sich zur Ruhe legten, blieb Amir wachsam. Sein Fuchssinn war gespannt. Irgendwo da draußen, jenseits des Feuerscheins, wartete der Waldweise – oder das, was von ihm übrig war.


Revision #1
Created 2026-05-14 13:09:18 UTC by Silas
Updated 2026-05-14 13:10:34 UTC by Silas