Magier und Co
Der Weg in den Norden wurde mit jedem Schritt beschwerlicher. Das Unterholz schien nach Amirs Knöcheln zu greifen, und das unheimliche Flüstern der „wandelnden Bäume“, von dem die Goblins berichtet hatten, lag wie ein schwerer Teppich über dem Forst.
Plötzlich erbebte der Boden. Mit einem Krachen, das Mark und Bein erschütterte, brach eine gewaltige Gestalt durch das Dickicht: Ein Waldschrat, riesig und mit einer Rinde gepanzert, die so alt wie die Zeit selbst schien, baute sich vor der Gruppe auf. Bevor Myrkon seinen Pailos oder Amarosch seine Axt heben konnte, sauste ein entwurzelter Baumstamm durch die Luft. Mit einem dumpfen Aufprall wurde der Zwerg von den Beinen gerissen und zu Boden geschleudert.
„Amarosch!“, entfuhr es Amir. Ohne nachzudenken, schoss der flinke Halbelf vor. Seine Reflexe als Schlangenmensch ließen ihn unter einem heransausenden Ast hinwegtauchen. Er packte den benommenen Zwerg am Kragen seiner Rüstung und zerrte ihn mit einer Kraft, die man seinem schmächtigen Körper kaum zugetraut hätte, aus der unmittelbaren Gefahrenzone. Ein zweiter Schlag des Waldschrats krachte genau dort in den Waldboden, wo Amarosch gerade noch gelegen hatte – die Erde spritzte auf, doch der Zwerg blieb unversehrt.
Während Amir keuchend neben dem Zwerg hockte, geschah etwas Seltsames. Die Magierin, deren rotes Haar im dämmrigen Licht des Waldes fast wie Feuer leuchtete, machte keinerlei Anstalten, einen Kampfzauber zu weben. Stattdessen hob sie die Hände und begann in der Sprache des Mittelreiches auf das Ungetüm einzureden.
Amir kniff die Augen zusammen und beobachtete sie misstrauisch. „Was tut die Frau mit dem spitzen Hut? Warum wirft sie keine Blitze?“, murmelte er leise. Ein seltsames Gefühl beschlich ihn. War das Magie? Hatte sie auch ihn irgendwie beeinflusst? Sein Fuchssinn schlug nicht direkt Alarm, aber die Art, wie der Waldschrat plötzlich innehielt, die gewaltigen Ast-Arme senkte und die Gruppe schließlich mit einem grollenden Laut passieren ließ, kam Amir höchst verdächtig vor.
„Amir traut der Magierin nicht“, dachte er, während er Amarosch aufhalf. „Redet sie mit Bäumen oder verzaubert sie uns alle?“ Er warf einen Blick zurück auf die stille Gewalt des Schrats, der nun wieder wie ein Teil des Waldes starr verharrte. Amir hielt seine Hand unauffällig in der Nähe seines Beutels mit den Wertsachen. In dieser Gruppe aus Kriegern, Zwergen und rätselhaften Zauberinnen fühlte er sich nur auf eines wirklich verlassen: auf seine eigenen flinken Finger und seine Fähigkeit, im richtigen Moment im Schatten zu verschwinden.
Schweigend, aber mit gesteigerter Wachsamkeit gegenüber der Magierin, setzte die Gruppe ihren Weg fort. Der Waldweise konnte nicht mehr weit sein – doch Amir fragte sich, ob die größte Gefahr wirklich vor ihnen lag oder bereits direkt neben ihm schritt.