Mein erster Tag in Gareth
Heute war einer der schlimmsten Tage meines vielleicht sehr kurzen Lebens.
Ich schreibe dies mit zitternden Händen.
Nicht vor Kälte – auch wenn sie hier überall lauert -, sondern weil mein Kopf noch dröhnt und meine Gedanken sich anfühlen, als hätte jemand versucht sie mit einem Hammer zu formen.
Dieses Buch war nie für so etwas gedacht.
Harlun ließ mich hier Zauberformeln und Anleitungen aufschreiben. Haltung, Gestik, Auftreten. Alles was man für eine perfekte Darbietung unserer Kunst braucht.
Doch irgendwie muss ich meine Gedanken und das erlebte festhalten.
Sonst glaube ich mir das selbst nicht… sollte ich überleben.
Gareth ist schlimmer als ich es mir vorgestellt habe.
Ich dachte, ich könnte hier etwas Hoffnung bringen. Ein Lächeln, einen Funken Glanz.
Ein törichter Gedanke. Harlun hätte es besser gewusst. Zusammen wären wir wahrscheinlich weiter gen Süden gereist.
In der Stadt konnte ich keinen Schlafplatz finden. Nicht einmal eine Ecke im Pferdestall konnte ich mir leisten. Schamlosigkeit und Raffgier… Sich am Elend anderer bereichern…
Als mir ein Wirt ein Bier als Belohnung für einen Auftritt versprach, ahnte ich nicht, dass das mein Todesurteil sein könnte. War ich naiv zu glauben in einer Schenke ginge es um das Wohl des Gastes?
Der Auftritt war ordentlich. Nicht mehr, nicht weniger. Ein wenig Freude und Anerkennung.
Dann brechen meine Gedanken ab… Dunkelheit. Rückblickend bin ich überzeugt: Man hatte mich vergiftet!
Vor Gericht gezerrt, abgefertigt. Fast erpresserisch wurde ich in den Militärdienst gezwungen. Verkauft als Wahl… zwischen dem unausweichlichen Tod am Strick oder dem fast sicheren Tod auf dem Schlachtfeld. Diese Wahl wurde mir aber erst gegeben, als ein kleiner Junge – vielleicht 12 Götterläufe alt – einen Zettel an den Richter übergab. Was wird hier gespielt?
Wie Vieh auf dem Weg zur Schlachtbank fuhr man mich zum Hippodrom - so nannten es meine Bewacher, als sie sich voller Hohn über mich unterhielten.
Sie warfen mich aus dem Wagen in den Dreck dieser Zeltstadt.
Mein erster Gedanke war nicht Angst. Es war Ärger. Über den Schmutz auf meiner Robe.
Lächerlich, ich weiß – aber irgendwas in mir klammerte sich daran, wenigsten so noch Ordnung herzustellen, über irgendwas die Kontrolle zu haben.
Meine Kontaktperson und nun Vorgesetzte – Weibel Yara Fürstenbacher. militärisch, sachlich, aber nicht kalt, nahm Sie mich in Empfang. Ihrer Begrüßung und Art entnahm ich, dass sie mich nicht erwartet hatte. Also scheint sie nicht in den Komplott verwickelt. Allerdings erwähnte sie, man könne aktuell keinem trauen, den man nicht seinen Freund nennt. Kein Missverständnis, kein gezieltes Attentat sondern Methodik zur Rekrutierung? In was für Zeiten lebe ich?
Zwar stellte sie mir frei zu gehen, doch sagte sie das wäre nur der sichere Weg zum Strick. Den hätte ich schneller haben können.
So ergab ich mich der Situation. Welche Wahl hatte ich…
Mein Trupp, ein zusammengewürfelter Haufen, der bunter nicht sein könnte. Neben Yara scheinen noch Durabosch und Salda am ehesten hier herzugehören. Vaya scheint auch recht souverän mit der Situation umzugehen, aber ich kann sie nicht einschätzen. Einen Blick in Ihre Gedanken zu wagen, erscheint mir doch zu riskant.
Auch wenn ich schon viele Angroschim und ihre manchmal schroffe Art kennengelernt habe, Durabosch setzt dem die Krone auf. Vor versammelter Mannschaft trank er unseren Kessel Suppe leer, als ich mir etwas nehmen wollte. Allein von dem was in seinem Bart hängenblieb, wären zwei satt geworden.
Brenno, ein kleiner Junge, den Ohren nach zu urteilen ein Halbelf, gab mir seine Portion und beteuerte er sei bereits gesättigt. Der Kleine ist schwer in Ordnung. Später zeigte ich ihm noch ein paar Tricks mit Münzen – verschwinden lassen, herbeizaubern… das übliche. Er scheint eine unfassbar gute Auffassungsgabe zu haben, denn nach kurzer Zeit war er bereits den Grundlagen dieser Tricks mächtig.
Wenn hier jemand noch weniger hingehört als ich, dann ist es Brenno. Auch wenn er erklärt hat ein großer Held werden zu wollen.
Dann ist da noch Jagwida. Eine seltsame Frau. Ebenso interessant wie gruselig. Ständig umherstarrend und unverständliches Zeug vor sich hin brabbelnd rührte sie in einem Kessel eine komisch riechende Pampe zusammen. Die soll wohl gegen Maden an den Füßen helfen. Ich bete zu den Zwölfen, dass ich nicht in die Situation komme auf dieses Gebräu angewiesen zu sein. Auf der einen Seite dieses abschreckende Gebaren, dann wieder interessiert wirkend. Obwohl sie ein paar Worte mit mir gewechselt hat, werde ich aus ihr genauso wenig schlau wie aus Vaya.
Obwohl noch keiner aus der Truppe vom Unglaublichen Bredo Flammenglanz gehört hatte, schien sie mein Anschlagszettel doch neugierig gemacht zu haben und ich wurde um eine kleine Darbietung meiner Kunst gebeten.
Obwohl selbst dieser Griesgram Durabosch kurz amüsiert schien, muss ich sagen, dass dies wohl das härteste Publikum war, das ich jemals versucht habe zu beglücken.
Agmorra als Beispiel, ein weiteres Kind Angroschs in unserer Truppe, gab mir mit einem Blick zu verstehen, dass sie wenig amüsiert war.
Heute war nicht viel los. Yara empfahl uns den Tag zu genießen und noch einmal zu tun wonach uns der Sinn steht – fast als wäre sie sich sicher, dass einige von uns die nächsten Praiosläufe nicht überleben werden. Schlafen wäre ihrer Meinung nach die Beste Idee. Ich vertrieb mir die Zeit damit die Stimmung in der Zeltstadt aufzuheitern und gab eine kleine Show für Leute, die mein elendes Schicksal teilten. Auch meine Stimmung besserte sich dadurch ein wenig.
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