Südlich des Finsterkamms, 12. Rahja 1023 BF
Der Finsterkamm liegt nun schon einige Tage hinter mir.
Vor mir liegen die Ausläufer des Kosch, sofern ich mich richtig orientiert habe.
Heute morgen kam ich an einem See vorbei, auf dem ein Schwanenpaar schwamm.
Ich habe sie gefragt, wo der südlichste aller Schwäne wohl zu finden sei.
Sie wussten nur, dass es weiter im Süden noch andere Schwäne gibt.
Also laufe ich weiter in den Süden – es ist warm, die Sonne scheint und ihre Strahlen kitzeln mich an der Nase.
Der Wald hier ist heller als im Svellttal, das Grün der Bäume wirkt leichter, so als fiele ihnen das Leben hier im Süden leichter.
Plötzlich verstummt das Zwitschern der Vögel – stattdessen höre ich Schreie aus unwirklichen Kehlen und das Blöken von Schafen.
Ich laufe schneller, in die Richtung aus der ich die Schreie höre.
Es dauert nur wenige Augenblicke, da sehe ich die Ursache:
Auf einer Lichtung kämpft ein Schafhirte mit seinem Hund gegen eine Horde Goblins.
Die kleinen Gestalten setzen den beiden ordentlich zu – keine Zeit zum Reden, Zeit zu handeln.
Ich nehme den Bogen, ziele, ein Pfeil, noch ein Pfeil, noch ein dritter.
Drei Goblins niedergestreckt, bis sie mich wahrnehmen.
Zwei der Goblins lassen von dem Hirten ab und rennen in meine Richtung.
Den Bogen in der Hand laufe ich ihnen entgegen, weitere meiner Pfeile fliegen mir voraus.
Als der vierte Goblin fällt, besinnen sich die anderen und ergreifen die Flucht.
Ich renne zu dem Hirten, der am Boden liegt.
Sein Körper ist mit zahlreichen Wunden übersäht, eine besonders tiefe hat er an der Brust.
Ich knie nieder, um ihm zu helfen, aber ich kann nichts mehr für ihn tun.
Es bleibt mir nur noch, einen Grabsegen zu sprechen.
Der Hund lebt noch.
Er winselt, weil auch er verletzt ist.
Vielleicht kann ich wenigstens ihn retten.
Ich untersuche seine Wunden, auch sie sind tief, aber es besteht Hoffnung.
Nachdem ich ihn etwas beruhigt habe, lässt er mich an sich heran und ich kann ihm helfen.
Er wird Narben tragen, aber anders als sein Herr wird er leben.
Über dessen Körper schichte ich Steine auf und spreche den Grabsegen.
Die Schafe sind über die ganze Lichtung verstreut.
Der Hund ist kaum in der Lage, sie zusammenzutreiben.
Ich bin keine Hirtin und Schafherden folgen anderen Regeln als die Karenherden meiner Kindheit.
Also schlage ich am Rande der Lichtung mein Lager auf.
Am nächsten Morgen wecken mich Stimmen.
Im Wald ruft es "Otto!", immer wieder.
Die Stimmen klingen suchend, also warte ich auf der Lichtung.
Schließlich kommen drei Menschen aus dem Wald.
Sie sehen die verstreuten Schafe, die toten Goblins, den verletzten Hund, den Steinhaufen und das getrocknete Blut im Gras, das den Morgentau seltsam dunkel wirken lässt.
Ich gehe auf sie zu.
"Ifirn zum Gruße, ihr guten Leute..."
Wie ich erwartet hatte, kannten sie den Hirten.
Er hieß Otto und kam gestern mit seinen Schafen nicht nach Hause.
Deshalb suchen sie ihn.
Sie laden mich in ihr Dorf ein, eines der vielen kleinen Dörfer ohne Namen.
Zwei treiben die Schafe zusammen und einer hilft mir, den Hund zu tragen.
Er heißt Alto und ist ein weißer Koscher.
Ein schönes Tier.
Ich bleibe zwei Tage im Dorf.
Der Verlust des Hirten ist hart für die Menschen hier.
Sie haben nicht viel, die Schafe sind ihr wertvollster Besitz.
Als ich mich verabschiede, hinkt Alto zu mir.
Sein Schwanz ist eingeklemmt und er fiept.
Ich herze den tapferen Kerl, der seine Herde so mutig verteidigt hat.
Und dann schauen wir uns in die Augen.
Mein Herz bleibt kurz stehen, ich erinnere mich an einen Tag vor so vielen Jahren, als ich Joselene hinterher lief.
Mir wird klar: Alto wird mich nicht mehr verlassen.
Ich blicke zu den Dorfbewohnern und sehe Zustimmung.
Alto darf mit mir gehen.
Sein Schwanz wedelt nun ganz erfreut und er hechelt voller Erwartung.
Wir werden Gefährten sein, auf der Suche nach dem südlichsten aller Schwäne.