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Der Große Fluß, 12. Ingerimm 1023 BF

Wir sind jetzt eine Woche seit Elenvina unterwegs und jetzt hat Kapitän Josten gemeint, bis Twergenhausen sind es vier Tage, wo wir unterwegs nicht in einem Gasthaus übernachten können, weil am Fluss keine Orte sind.

Eine Flussfahrt durch die Wildnis. Wie aufregend!

Bisher war die Fahrt eher langweilig, ich hatte viel Zeit zu lesen. Den Schiffern kann ich nicht sinnvoll helfen... obwohl, eigentlich doch. Ich habe schon einen geprellten Daumen und einen Schnitt an der Wade kuriert. Die arbeitenden Leute sind so ungeschickt. Kapitän Josten wollte mir dafür sogar einen Teil meines Fahrtpreises zurückgeben, aber ich habe abgelehnt. Er und seine Leute können mit dem Geld sicher mehr anfangen als die Akademie, der ich es zurückgeben müsste.

Kapitän Josten ist immer sehr nett zu mir, er erzählt mir Geschichten vom Fluss und den Wäldern. Der Große Fluss ist deutlich beeindruckender als der Svellt, das muss ich zugeben. Aber ich freue mich auch schon darauf, wieder zu Hause in Lowangen zu sein. Obwohl die Reise noch ein paar Tage dauern wird... Allein bis Ferdok sind es noch zwei Wochen und da kann ich auf dem Fluss reisen.

Am meisten mag ich Mia, das Schiffsmädchen. Sie will eines Tages auch Kapitänin werden und erklärt mir immer wieder, wie alles auf dem Schiff funktioniert. Mia hat gestern auch vorsichtig gefragt, ob sie mal meine Ohren anfassen kann. Das war lustig, sie hat wohl gedacht, die Spitzen sind angeklebt. Sie ist auch der erste Mensch, den ich treffe, der mehr Sommersprossen hat als ich.

Ich lege mich auf ein paar Säcke, lasse die Beine über die Reling baumeln und mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Eigentlich ist die Reise ganz angenehm.

PFLENG...ENG...ENG...eng...eng... Ich schrecke hoch. Neben mir vibriert ein Pfeil in der Reling. Zwei Handbreit neben meinen Beinen. Ich höre mich schreien, und Kapitän Josten ruft: "Piraten! Zu den Waffen!"

Das Schiff schaukelt, als irgendetwas dagegen stößt. Es sind Flöße der Flusspiraten, die sich im Dickicht am Ufer verborgen hatten. Ungehobelte Kerle und Weiber, mit Knüppeln und Äxten bewaffnet springen auf das Schiff. Es sind zu viele für Kapitän Josten und seine Leute, innerhalb kürzester Zeit werden sie überwältigt.

Ich drücke mein Buchpaket an meine Brust, es ist zu wertvoll als dass ich es hergeben könnte. Eine brutal aussehende Frau kommt zu mir, sie ist sicherlich zwei Schritt hoch und dreimal zu breit wie ich. "Gib das her, Hexe!" sagt sie und deutet auf mein Paket. "Nein, das gehört mir", versuche ich mit fester Stimme zu antworten. "Wenn du es versuchst, verwandle ich dich in ein Eichhörnchen!" Toll, Callan. Mit einer Verwandlung in ein Eichhörnchen zu drohen ist bestimmt total einschüchternd. Blöd ist, dass ich das Paket fallen lassen müsste, um einen Paralysis zu sprechen. Sie grinst mich an und fängt dann schallend an zu lachen. "Guckt euch den Rotschopf an! Will mich in ein Eichhörnchen verwandeln." Sie holt mit ihrem Knüppel aus und versucht meinen Kopf zu treffen, aber ich ducke mich unter dem Schlag weg. Leider habe ich nicht darauf geachtet, was hinter mir passiert, denn plötzlich trifft mich ein schmerzhafter Schlag in den Rücken. Ich taumele der Riesenfrau entgegen, sie entreißt mir meine Bücher und ich sehe den Knüppel in mein Gesicht fliegen. Dann ist alles schwarz.

Genauso plötzlich, wie alles schwarz wurde, wird alles wieder hell. Ich bin ins Wasser gefallen. Ich schnappe nach Luft und rudere mit den Armen. Das Schiff ist einige dutzend Schritt von mir entfernt während ich treibe flussabwärts. Mir fällt nichts klügeres ein als meinen Stab zu mir zu rufen, ich habe nie schwimmen gelernt. Der Stab muss mir auf dem Schiff aus der Hand gefallen sein. Ich bin so froh, dass ich damals den Apport-Zauber auf den Stab gelegt habe.

Geschwind fliegt er in meine Richtung und ich klammere mich an ihn. Der Stab schwimmt, ich werde leben. Ich rudere mit den Beinen, keine Ahnung, ob das irgendetwas bringt. Immer weiter treibe ich den Großen Fluss hinunter und irgendwann komme ich so dicht ans Ufer, dass ich stehen kann und mich aus dem Wasser schleppen kann.

Als ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, bemerke ich, noch dass ich eine Platzwunde auf der Stirn habe. Ich laufe weiter, die Bäume rauschen an mir vorbei, die Sonne dreht sich am Himmel nach links und nach rechts. Irgendwann schwebe ich auf dem Rücken liegend durch den Wald. Um mich herum tanzen große Eichhörnchen mit rotem Pelz, fast so rot wie meine Haare. Dann wird erneut alles schwarz.