Ferdok, 21. Rahja 1023 BF
Alto begleitet mich jetzt schon eine ganze Woche.
Er ist ein treuer Gefährte, seine Verletzung ist fast ganz verheilt und er hält tapfer mit.
Am Lagerfeuer sitzt er neben mir, hört mir zu und ich teile mein Essen mit ihm.
Ich folge einem Fluss, der Ange genannt wird bis ich einen Ort namens Oberangbar erreiche.
Hier vereinigt sich die Ange mit der Breite zum Großen Fluss.
Vom dem habe ich bisher nur gehört, aber wenn es stimmt, dass er noch so viel weiter führt, muss er gewaltig werden, denn er ist hier schon so breit wie der Svellt bei Tiefhusen.
Ich halte mich hier nicht lange auf, sondern ziehe weiter.
Alto folgt mir brav auf meinem Weg.
Den Empfehlungen folgend, bleibe ich in der Nähe des Flusses und laufe weiter bis Ferdok.
Das ist eine beeindruckende Stadt.
So viele Leute kenne ich sonst nur aus Lowangen, nicht einmal Tjolmar ist so riesig.
Ich frage, ob es einen Travia-Tempel gibt oder einen Tempel einer anderen Gottheit, die mir nahesteht, aber in Ferdok ist beides nicht zu finden.
Man empfiehlt mir, im Hammer und Amboss einzukehren, dort wurde wohl das Helle Ferdoker erfunden und es soll ein solides Gasthaus sein.
Alto tapst neben mir her, als ich durch die riesige Stadt laufe.
Das Hammer und Amboss ist gut besucht, der Wirt ist ein Zwerg namens Ropertosch.
In einer Ecke spielt eine rothaarige Frau Laute und singt zotige Lieder.
Ich begrüße Ropertosch auf Rogolan und er schein erfreut zu sein, dass ich die Sprache seines Volkes spreche.
Sein Willkommen ist ehrlich, wenn auch nicht sonderlich herzlich.
Er meint, solche wie mich hätte er hier nicht so oft, aber viel weiter ins Detail geht er dann nicht.
Wie sich herausstellt, übersteigen die Preise für Zimmer in diesem Haus meine Mittel, aber ein Mittagessen kann ich mir leisten.
Von einem seiner Schankmädchen bekomme ich ein Bier, Eintopf und Brot.
Für Alto gibt es ein paar Reste aus der Küche und eine Schale Wasser.
Der Gute versteckt sich zwischen meinem Stuhl und der Wand.
Der Lärm und die vielen Leute sind ihm wohl unheimlich.
Während ich esse, betreten drei Gestalten den Raum.
Ein Zwerg, der sehr wichtig zu sein scheint, gefolgt von zwei Menschen, einem Mann und einer Frau.
Der Mann stützt die Frau, die mit einem Bein nicht auftreten kann.
Der Zwerg läuft direkt zu Ropertosch und die beiden unterhalten sich kurz.
Ropertosch zeigt auf den Tisch, an dem ich sitzen – es ist tatsächlich der einzige, wo noch drei Plätze frei sind.
Der Zwerg schaut etwas skeptisch zu mir rüber und kommt dann heran.
"Angrosch zum Gruße, du gestattest?"
"Ifirn zum Gruße", antworte ich. "Ja natürlich es ist Platz am Tisch."
Er winkt seine beiden Begleiter heran.
Der Mann hilft der Frau sich zu setzen und setzt sich dann selbst.
Der Zwerg sitzt mir gegenüber, die anderen beiden so, dass Platz zwischen uns ist.
Ich schaue die drei freundlich an.
"Ifirn, hmja, hm. Hört man hier nicht so oft", meint der Zwerg.
"Ich komme von weiter nördlich, aus dem Land am Svellt. Mein Name ist Tienshun."
"Djenschunn. Klingt ungewohnt. Rimbart, Sohn des Rugosch", der Zwerg zeigt auf sich, dann auf die Frau und den Mann. "Gesine. Harabal."
"Es freut mich, euch kennenzulernen", sage ich und dann schaue ich Gesine an.
"Habt ihr euch verletzt? Soll ich mir das Bein mal anschauen?"
Sie schaut zu Rimbart.
Er scheint der Wortführer zu sein.
"Nicht nötig, Gesine ist nur vom Pferd gefallen, das wird schon wieder."
"Ein Sturz vom Pferd kann üble Folgen haben", meine ich.
"Übel ist nur, dass unser Auftrag wohl warten muss", brummt Rimbart, nachdem er einen kräftigen Schluck Bier genommen hat.
Die drei haben zwischendurch Bier und deftiges Essen aufgetischt bekommen.
Offenbar müssen sie nicht so sehr auf ihre Ausgaben achten, wie ich.
"Ich kann mir das Bein gerne mal ansehen", meine ich erneut.
Gesine schaut wieder zu Rimbart, der tief einatmet.
"Wir werden einen Tatzelwurm zur Strecke bringen, der bei Esenfeld sein Unwesen treibt", stellt er fest.
Auf mein Angebot geht er gar nicht ein.
"Wenn wir hier fertig sind, setzen wir Gesine wieder aufs Pferd und dann geht es los", meint er mit vollem Mund.
Der andere Mann nickt, Gesines Gesichtsausdruck kann ich nicht wirklich deuten.
"Soll ich euch dabei helfen?" frage ich.
"So ein Tatzelwurm ist ja keine Kleinigkeit."
"Kennst du dich aus, mit so einem Tatzelwurm?" fragt Rimbart.
"Das nicht, aber ich kann mich gut in Wald und Feld orientieren, finde Spuren, Lagerplätze und Wild. Warum nicht auch einen Tatzelwurm?"
Rimbart grinst mich an: "Warum nicht? Eine zusätzliche Klinge können wir sicher gut gebrauchen."
Ich deute auf Alto und meine: "Und eine Spürnase bringe ich auch mit."
Rimbart nickt und ich freue mich sehr, dass ich hier so weit weg von zu Hause, jemandem bei einer so wichtigen Sache helfen kann.
Nachdem die drei aufgegessen haben, zahlt Rimbart und gibt dem Schankmädchen ein großzügiges Trinkgeld.
Mehr als ich für meine Mahlzeit und mein Bier gezahlt habe.
Ich schäme mich fast, dass ich nicht so großzügig sein kann.
Dann verlassen wir das Hammer und Amboß.
Harabal und ich stützen Gesine.
Sie wirkt, als ist das Bein gebrochen, aber dann auch wieder nicht.
Seltsam, dass ich es mir nicht anschauen soll.
Es wäre nichts großartiges dabei.
Draußen auf der Straße ist viel los.
Auf der anderen Straßenseite gibt es eine Anschlagtafel, vor der gerade zwei Menschen und ein Zwerg stehen und diskutieren.
Rimbart gibt uns ein Zeichen, dass wir warten sollen.
Er läuft schnurstracks auf die andere Seite, vermutlich will er noch ein paar mehr Leute gegen den Tatzelwurm rekrutieren.
Rimbart kommt schnell mit den dreien ins Gespräch.
Er deutet ab und zu in unsere Richtung, dann mal auf sein Bein, deutet ein Hinken an.
Während des Gesprächs zwinkert er uns ein paarmal zu.
Offenbar gelingt es ihm die anderen zu überzeugen.
Ich lächle Harabal und Gesine an.
Mit so einer Gruppe lässt sich sicher auch ein Tatzelwurm bezwingen.
Dann winkt er mich herüber.
Ich bin überrascht und deute mit meiner freien Hand fragend auf mich.
Er nickt bekräftigend.
"Offenbar soll ich zu ihm kommen", meine ich entschuldigend zu Harabal.
"Offenbar", antwortet dieser knapp.
Das ist das erste Mal, dass ich ihn sprechen höre.
Seine Stimme klingt angenehm, wie der Sommerwind.
Ich überlasse ihm Gesine und laufe über die Straße.
"Das ist Djenschunn, sie erklärt euch alles", meint Rimbart, klopft mir auf die Schulter und lässt mich mit den dreien stehen.
Ich schaue ihm verdutzt hinterher, dann auf die andere Straßenseite.
Harabal und Gesine sind verschwunden.
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