Svellttal, im Frühjahr 1018 BF
"Komm mit, Tienshun", sagt Joselene voller Energie. "Es gibt etwas zu tun für dich."
Sie lacht und deutet mit dem Kopf in Richtung Blutzinnen.
Die Blutzinnen.
Orkland.
Ich möchte nicht in diese Richtung.
Aber irgendetwas in Joselenes Blick sagt mir, dass ich ihr vertrauen kann.
Wir laufen los, durch Svallmund und erreichen zwei Tage später Friedland.
Hier verbringen wir die Nacht, bevor mich Joselene am nächsten Morgen weiter in Richtung der Blutzinnen führt.
Bisher sind uns keine Orks begegnet, was mich sehr erleichtert.
Nach zwei weiteren Tagen erreichen wir einen kleinen Weiler.
Hier leben gut 30 Leute.
Ich bewundere ihren Mut, so dicht am Orkgebiet.
Sie berichten uns, wie sie sich mit den Orks arrangiert haben.
Außerdem erklären sie, dass ihnen seit einigen Wochen ein Schwarzbär zu schaffen macht.
Er kommt in die Nähe der Hütten oder reißt Schafe.
Normalerweise kommen die Bären nicht aus den Blutzinnen herunter, aber dieser scheint sehr wütend zu sein.
Joselene schaut mich ernst an.
Diesen Blick habe ich noch nie gesehen.
Dann sagt sie: "Das, Tienshun, ist deine Aufgabe."
Meine Aufgabe.
Ich denke darüber nach, was sie damit meint, als ich vom Weiler allein in Richtung der Blutzinnen laufe.
Soll ich den Bären töten?
Das würde Ifirn nicht gutheißen.
Ihn verjagen?
Dann würde er sicherlich zurückkommen.
Egal, was die Aufgabe ist, ich muss ihn zunächst finden.
Es dauert nicht lange und ich finde Spuren.
Sie führen hoch in die Berge und ich folge ihnen, bis die Sonne untergeht.
Hier am Fuß der Blutzinnen, gehe ich lieber kein Risiko ein und suche mir einen Baum, in dessen Krone ich schlafen kann.
Am nächsten Morgen folge ich den Spuren weiter.
Noch bevor die Sonne am höchsten steht, sehe ich ihn.
Da steht er: ein riesiger Schwarzbär, bestimmt drei Köpfe größer als ich.
Etwas an ihm ist seltsam.
Er steht da und blickt die ganze Zeit in eine Richtung.
Ich nähere mich langsam.
Mein Herz klopft, ich ziehe meinen Dolch.
Nicht, dass der etwas bewirken könnte.
Er scheint mich nicht zu bemerken.
Ich stecke den Dolch wieder ein, es fühlt sich falsch an.
Dann trete ich langsam neben den Bären.
Er wendet mir den Kopf zu und schaut mich an.
Ist das Traurigkeit in seinem Blick?
Dann schaut er wieder in die Richtung, in die er vorher gesehen hat und ich folge seinem Blick.
Da ist eine Höhle.
Und vor der Höhle sind Goblins.
Dann verstehe ich.
Es ist seine Höhle.
Die Goblins haben ihn aus seinem Zuhause vertrieben.
Das ist meine Aufgabe.
Ich knie mich neben den Bären und wir schauen uns an.
Ich weiß nicht, ob er mich versteht als ich zu ihm sage: "Ich rede mit ihnen."
Als ich zu den Goblins laufe, habe ich Angst.
Nicht so viel Angst, wie ich sie vor Orks hätte, Goblins sind nicht so blutrünstig wie die Rotpelze.
Aber wenn viele von ihnen zusammenkommen, sind sie mutig und gefährlich.
Dann kann ich mich nicht mehr genau erinnern, was ich getan habe.
Ich weiß noch, dass wir geredet haben, in dieser gebrochnen, harten Sprache, die auch die Orks benutzen.
Aber was ich gesagt habe, weiß ich nicht mehr.
Irgendwann haben die Goblins ihre Sachen gepackt und sind gegangen.
Jetzt sitze ich auf einem Stein und bin unendlich müde.
Und glücklich, erleichtert, frei.
Ich spüre, wie mich etwas anstupst.
Der Bär steht neben mir und schaut... verschmitzt?
Er tapst in die Höhle, die nun wieder ihm gehört.
Ich folge ihm und habe das Gefühl, er möchte sie mir zeigen.
Nach eine Weile des Beisammenseins verabschiede ich mich von dem Bären.
Er wird keine Schafe mehr reißen oder die Hütten des Weilers bedrängen.
Die Sonne bereits tief, als ich mich auf den Weg zurück mache.
Kurz nachdem ich die Höhle verlassen habe, höre ich das Schlagen großer Flügel.
Ich schaue in den Himmel und sehe gleißendes Licht.
Vor mir landet der größte Schwan, den ich jemals gesehen habe.
Ein Schwan!
Hier in den Blutzinnen!
Ifirn sieht mich!
Der Schwan schaut mich an und beginnt, an seinem Flügel zu zupfen.
Dann legt er eine einzelne, große Feder auf den den Boden, schaut mich an und erhebt sich wieder in Lüfte.
Ich hebe die Feder auf, Wärme durchströmt mich, Glück und ein Gefühl tiefen Friedens.
Am Abend des nächsten Tages komme ich wieder bei dem Weiler an.
Joselene erwartet mich lächelnd.
"Du hast deine Aufgabe erfüllt", begrüßt sie mich.
Es eine Feststellung, so wie es ihre Art ist.
Als sie die Schwanenfeder sieht, die ich mir in die Haare geflochten habe, lächelt sie erneut.
"Du hast den Weg der Hüterin der Schwänin gewählt." Sie legt ihre Hand auf meine Schulter.
"Du bist nun eine der Ihren. Sie hat dich erblickt und akzeptiert. Folge der Silberschwänin in dir."
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