Skip to main content

Irgendwo, einige Tage später

Ich wache auf, alles tut mir weh. Es riecht nach Holz, nach Urin und nach Erbrochenem. Um mich herum ist Feuchtigkeit und mein linker Fuß schmerzt niederhöllisch.

Ich fühle mich unendlich leer. Halb sitzen, halb liegend lehne ich an einer schrägen Wand. Ich höre leises Rauschen. Im Halbdunkel schaue ich mich um. und kann Schemen von Gittern ausmachen. Unendlich langsam, wie durch viele Lagen Seide, dämmert es mir: Ich bin auf einem Schiff. Einem Sklavenschiff.

Ich fasse nach meinem linken Fuß und ertaste einen Ring um den Knöchel. Er fühlt sich kalt an, leer und zieht an mir. Koschbasalt. Sie haben mir eine Fessel aus Koschbasalt angelegt, um mich am Zaubern zu hindern. Meine Welt bricht zusammen. Ich breche zusammen. Das darf nicht sein, das ist falsch. Ich habe mich Zornbrecht gefügt, er hat keinen Grund, mich auf diese Weise zu bestrafen. In meinem Kopf ruft eine leise Stimme: "Nicht Zornbrecht, Tsa ist es, die dich verstoßen hat."

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, Tage, vielleicht. Ich mühe mich ab, die Fessel zu lösen, aber es ist aussichtslos. Weder ein Scharnier noch ein Schloss kann ich ertasten. Der Ring muss magisch versiegelt sein. Wenn ich mir nicht den Fuß breche, kann ich sie nicht abnehmen. Wie makaber. Die große Heilerin müsste sich selbst verletzen um Magie zu wirken.

Es sind wohl einige Tage, die vergehen, irgendwann wird es heller und wieder dunkler. Außer mir sind noch weitere Menschen hier gefangen. Sie alle blicken stoisch ins Leere, haben sich aufgegeben. Es gibt ein wenig Stroh, aber wir haben noch nicht einmal eine Gelegenheit, um uns zu erleichtern. Meine direkten Nachbarn benutzen beide die Ecken ihrer Käfige, die an meinen Grenzen. Es ist fürchterlich, es ist ekelhaft, es ist widerlich. Ab und zu bringt man uns eine Schale mit Wasser und einen Napf mit Brei, den wir mit bloßen Händen essen müssen.

Die Zeit behäbig ist wie Treibsand. Auch so kann man Menschen brechen. Nach vier Schalen Brei zerren mich zwei brutal aussehende Männer aus meinem Käfig. Ich bekomme ein paar Tritte ab und werde über eine Holztreppe nach oben gezerrt. Ich bin tatsächlich auf einem Schiff, das jetzt irgendwo angelegt hat.

Ich werde vor einen Mann geführt, den fettesten Mann, denn ich jemals gesehen habe. Sein Kaftan platzt fast über seinem Bauch, die Backen sind feist unter kleinen Schweinsäuglein.

"Ist sie das?" fragt er jemanden hinter mir auf Tulamidya.

"Ja", kommt die Antwort von einer Fistelstimme.

Der fette Mann packt mich im Gesicht und zwingt mich den Mund zu öffnen. "Die Zähne sind in Ordnung." Dann begrapscht er mich von oben bis unten. "In Ordnung, ich übernehme sie. Das wird ein gutes Geschäft. Richtet Ovartoran meinen Dank aus."

Er klatscht in die Hände, eine kleine Frau tritt neben ihn. Er zeigt auf mich und sagt: "Haare."

Die Frau zieht eine grobe Schere hervor, die beiden Männer, die mich nach oben gezerrt haben, zwingen mich auf die Knie. Dann schneidet sie mir Strähne für Strähne meine Haare ab. Mit jedem Schnitt ist es, als bohrt sich die Schere in mein Selbst. Sie nehmen mit meine Haare, das letze bisschen Stolz, den letzten Rest Kraft. Mir treten die Tränen in die Augen.

"Gegen Läuse", sagt die Frau, die wohl denkt, dass ich wegen des Verlusts der Haare weine.

Dann zerren sie mich hoch und die beiden Männer schleifen mich von Bord in einen Käfig auf einem Wagen. Der Koschbasalt an meinem Fuß raubt mir fast die Sinne und der Verlust meiner gesamten magischen Kraft durch das Abschneiden meiner Haare führt dazu, dass ich schon wieder ohnmächtig werde.

Und diesmal heiße ich die Dunkelheit willkommen.