Die Flucht nach Westen
Punin wurde Amir zu heiß. Die Stadtwache und die Magier des Ratsherrn suchten nach dem Edelstein, und die alte Zarpa hatte recht behalten: Es war Zeit für den „kleinen Falken“, die Flügel auszubreiten. Sein Weg führte ihn weit nach Westen, quer durch das Königreich Garetien bis in die stolze Stadt Elenvina, die Hauptstadt Albernias.
Amir mochte Elenvina auf den ersten Blick. Die Stadt am Großen Fluss war geschäftig, voller Händler und – was für ihn am wichtigsten war – voller praller Geldbeutel. Doch Elenvina barg eine grausame Prüfung für den Halbelfen: Den Großen Fluss. Das gewaltige Wassermasiv schüchterte ihn ein, und seine tiefe Angst vor dem Meer und großen Wassermassen ließ ihn jedes Mal erschauern, wenn die Gischt gegen die Kaimauern schlug.
Eines Abends, als der Nebel vom Fluss in die Gassen kroch, entdeckte Amir sein Ziel. Ein Edelmann, gehüllt in teures Tuch, schritt etwas zu siegessicher durch die Nähe des Hafens. Amirs Goldgier flüsterte ihm zu, dass dieser Mann mehr als nur ein paar Heller bei sich trug.
Mit der Geschmeidigkeit seines Schlangenmensch-Körpers glitt Amir durch die Schatten. Er nutzte die Schattenlinse, um im trüben Zwielicht jede Bewegung des Edelmanns genau zu fixieren. Ein kurzes, lautloses Manöver, ein präziser Schnitt mit seinem Federmesser – der Weg des Taschendiebes war ihm in Fleisch und Blut übergegangen.
Zurück in einem sicheren Verschlag zählte er die Beute. Neben einer Handvoll Silbermünzen förderte er zwei Dinge zu Tage, die sein Schicksal besiegeln sollten:
- Eine grob mit Kohlestift gezeichnete Karte.
- Ein mysteriöses Schreiben.
Die Karte zeigte einen Ort namens Appelquell. Amir hatte sich bereits in der Stadt durchgefragt; das Dorf lag weit den Großen Fluss hinauf. Das Schreiben deutete auf einen weitaus größeren Schatz hin, als er heute Nacht ergattert hatte. Seine Augen leuchteten auf.
„Amir sieht das Gold. Viel Gold in Appelquell“, murmelte er in der dritten Person. Doch dann blickte er aus dem Fenster auf die dunklen, strömenden Wassermassen des Flusses. Sein Herz hämmerte. Auf ein Schiff steigen? Freiwillig?
Die Angst schnürte ihm die Kehle zu, doch die Goldgier war wie ein brennendes Feuer in seiner Brust, das selbst die Kälte des Flusses übertönte.
"Amir mag das Wasser nicht. Wasser ist nass und tief und hungrig“, flüsterte er und presste die Karte an sich. „Aber Amir mag Gold mehr. Amir wird das Schiff besteigen. Amir wird nach Appelquell fahren.“
Am nächsten Morgen suchte er sich einen Kahn, der flussaufwärts Richtung Norden stieß. Mit bleichem Gesicht, den Blick starr auf die Planken gerichtet, um das Wasser nicht sehen zu müssen, betrat er das Deck. Sein Abenteuer auf dem Großen Fluss hatte begonnen.
No comments to display
No comments to display