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zu Gast bei Eisinger

Eisinger, sichtlich stolz auf seine Heimat, deutete auf Sehenswürdigkeiten wie den Traviatempel und das Siechenhaus, doch Amir hatte nur Augen für die Architektur. Schließlich hielten wir vor Eisingers Residenz. Es war ein prächtiges Haus, gewaltig und vollständig aus Stein erbaut – ein klarer Beweis für den Reichtum, den der Koschbasalthandel einbrachte.

Kaum war die Tür offen, eilten Diener herbei und nahmen uns mit geübten Griffen das Gepäck ab. Amir ließ seinen Rucksack nur widerwillig los, versicherte sich aber mit einem schnellen Griff, dass seine 700 Dukaten und die Edelsteine unbemerkt an seinem Körper blieben.

„Luxus“, murmelte Amir, während er über den polierten Steinboden schritt. „Amir könnte sich an weiche Kissen und Diener gewöhnen. Aber Amir wird seine Augen offen halten. Wo viel Stein ist, gibt es auch viele Geheimnisse.“

Das Esszimmer der Eisingers war von einer Pracht, die Amir fast den Atem raubte – und ihm gleichzeitig ein flaues Gefühl im Magen bescherte. Der massive Tisch war für zwölf Personen eingedeckt, das Silber glänzte im Schein der Kerzen so hell, dass Amir unwillkürlich blinzelte. Er rutschte auf seinem gepolsterten Stuhl hin und her. „Amir fühlt sich wie ein Fisch im Sand“, dachte er. „Zu viel Licht, zu viel Platz, zu viele Gabeln.“

Die Stimmung änderte sich merklich, als eine alte Dame in den Raum geführt wurde. Sie war blind, doch ihre Ausstrahlung war so streng wie der Stein, mit dem ihr Sohn handelte. Eisinger stellte sie als seine Mutter vor, gefolgt von seinem Sohn Morko, Myrkons altem Weggefährten. Es war offensichtlich, dass die Übergabe des Familiengeschäfts an Ebelfried tiefe Wunden hinterlassen hatte; ihr Gesicht wurde hart und unzufrieden, als die Sprache darauf kam.

Amir, der in seiner Sippe gelernt hatte, dass man die Ältesten ehren muss – besonders die verbitterten –, fasste sich ein Herz. Er stand auf, verbeugte sich tief und sprach mit einer Sanftheit, die man dem kleinen Dieb kaum zugetraut hätte: „Amir verneigt sich vor der Matriarchin dieses stolzen Hauses. Wenn die edle Dame erlaubt, möchte Amir ihr ein Stück aus seinem fernen Land vortragen.“

Er zog seine Duduck hervor. Die melancholischen, warmen Töne des Holzblasinstruments füllten den hohen Raum. Er spielte ein Lied der Zahori, das die Schönheit und Weisheit der Frauen pries. Amir beobachtete die alte Frau genau. Für einen winzigen Augenblick zuckte ihr Mundwinkel nach oben – ein flüchtiges Lächeln, das in ihrem blinden Gesicht wie ein Sonnenstrahl auf grauem Fels wirkte. Amir setzte das Instrument ab und verbeugte sich erneut. „Das ist Lohn genug für Amirs Spiel“, flüsterte er zufrieden.

Bevor das eigentliche Mahl begann, wurde jedem ein eigenes Zimmer zugewiesen. Amir stand allein in dem prachtvollen Schlafgemach, starrte auf das riesige, weiche Bett mit den seidenen Laken und schüttelte den Kopf. „Amir denkt, das Bett verschluckt einen kleinen Falken einfach“, murmelte er. Er rollte seine eigene Decke auf dem harten Steinboden in der Ecke neben der Tür aus. Dort fühlte er sich sicher. Dort wusste er, wo die Wand war.

Zum Abendessen wurde Nordmaker Pastete gereicht. Während der Wein floss und der Duft von edlen Gewürzen die Luft erfüllte, bat Eisinger um Geschichten. Myrkon und Amarosch berichteten lautstark von ihren Heldentaten, und selbst Callan steuerte einige (stark geschönte) Details bei. Amir jedoch blieb wie gewohnt vage. Er erzählte lieber von der Weite der Straße, vom Stolz seiner Sippe und der alten, weisen Frau, die über sie alle wachte. Er gab genug preis, um höflich zu sein, aber zu wenig, um greifbar zu werden.

Als das opulente Mahl endete, klopfte Morko Myrkon auf die Schulter. „Genug der Förmlichkeiten! Ich lade euch ins ‚Admiral Sanin‘ ein. Dort schmeckt das Bier ehrlicher als dieser feine Wein hier.“ Amir erinnerte sich an das Gebäude, das sie bei der Einfahrt passiert hatten – eine Taverne, die deutlich lebhafter wirkte als das steinerne Grab der Eisingers.

Doch bevor sie aufbrechen konnten, trat Ebelfried Eisinger an sie heran. Sein Blick war nun geschäftsmäßig und ernst. „Besucht mich morgen Vormittag noch einmal hier im Haus“, bat er die Gruppe. „Ich habe einen Auftrag für euch. Einen, der Männer und Frauen eures Schlages erfordert.“

Amir spitzte die Ohren. Ein Auftrag von einem Koschbasalt-Händler bedeutete entweder große Gefahr oder sehr viel Gold. Oder beides. „Amir wird kommen“, dachte er und strich unauffällig über seinen Schlagring. „Aber erst will Amir sehen, ob der ‚Admiral‘ hält, was Morko verspricht. Auch wenn Amir bei Tee bleibt.“