Von wegen Katzengleich
Die Sonne begann bereits hinter den knorrigen Wipfeln der wandelnden Bäume zu versinken und tauchte den Forst in ein unheimliches, violettes Licht, als die Gruppe vor einem gewaltigen Hindernis zum Stehen kam. Ein Wall aus Dornengestrüpp, sicher mehrere zehn Schritt im Durchmesser, versperrte den Weg wie eine lebendige Festung.
„Amir denkt, die Hecke hat Zähne“, flüsterte der Halbelf und strich sich nervös über den Handrücken. Gemeinsam umrundeten sie das dichte Dickicht, doch die Dornen standen so eng und fest, dass kein Durchkommen schien. Es war schließlich Myrkons scharfem Blick zu verdanken, dass sie im weichen Waldboden eine Spur entdeckten: Fußabdrücke, die direkt in das scheinbar undurchdringliche Grün führten.
Beim näheren Hinsehen erkannten sie, dass es kein Zufall war. Die Äste ließen sich mit Vorsicht beiseite schieben, als hätten sie sich bereits an jemanden gewöhnt, der hier regelmäßig ein- und ausging. Amir, der als Schlangenmensch normalerweise flink wie ein Wiesel war, hatte diesmal weniger Glück. „Verfluchte Stacheln!“, zischte er, als er zum dritten Mal mit seinem Gewand hängen blieb. Ein Dorn ritzte seinen Arm, ein anderer seine Wange. Es waren nur leichte Kratzwunden, doch für jemanden, der so viel auf seine Geschmeidigkeit hielt, war es eine Beleidigung. „Amir blutet für diesen Waldweisen. Amir hofft, er hat wenigstens glänzende Steine.“
Im Herzen des Gestrüpps trafen sie auf eine Überraschung: Eine fast zerfallene Holzhütte kauerte dort zwischen den Wurzeln. Das Holz war grau und von Moos überzogen, doch als Myrkon vorsichtig gegen die Tür drückte, schwang sie mit einem geisterhaften Quietschen auf.
Drinnen roch es nach getrockneten Kräutern, altem Pergament und einem Hauch von Erdigkeit. Bündel von Beifuß, Schafgarbe und unbekannten Wurzeln hingen von der Decke. Kessel und Phiolen standen ordentlich auf einem staubigen Tisch – es sah wahrlich aus wie im Heim eines Kräuterweibs oder eben jenes Waldweisen, von dem die Goblins gesprochen hatten. Doch die Hütte war leer. Weder der Weise noch ein Lebenszeichen waren zu finden.
Nur die Fußspuren im Staub des Bodens setzten sich fort und führten durch eine Hintertür wieder hinaus in den Wald. Die Gruppe hielt nicht inne. Die Ungewissheit über die Magierin und das Grollen des Waldschrats noch im Hinterkopf, folgten sie dem Pfad tiefer in das immer dichter werdende Dunkel.
Als das Licht der Dämmerung endgültig verlosch und die ersten Sterne durch das Blätterdach blitzten, wurde das Gehen zur Qual. Amir rieb sich die schmerzenden Kratzer. „Amir denkt, es ist Zeit für ein Feuer. Aber Amir denkt auch, dass wir im Dunkeln nicht allein sind.“ Die Fußspuren vor ihnen wirkten im fahlen Mondlicht fast wie eine Einladung in eine Falle, während der Wald um sie herum zu atmen schien.
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