unter Tage
„Hör zu, Herr Zwerg“, sagte Amir und nahm seinen Wanderstab fest in beide Hände. „Hier unten gibt es Steine, die beißen. Amir zeigt dir, wie man den Boden fragt.“ Er demonstrierte Amarosch, wie man mit dem Stab rhythmisch den Boden abklopfte, um hohle Stellen oder Druckplatten von Fallen zu finden. Der Zwerg brummte anerkennend – auch wenn er es nie zugeben würde, war die Vorsicht des Halbelfen hier unten Gold wert.
Gemeinsam bildeten sie die Vorhut. Der Staub auf dem Steinboden lag fast zwei Finger dick und dämpfte ihre Schritte, was eine unheimliche Stille erzeugte. „Amir denkt, hier hat lange niemand mehr geatmet“, flüsterte er.
Doch kurz darauf hielt er inne. In der dicken Staubschicht zeichneten sich Spuren ab. Es waren keine zwergischen Abdrücke aus alter Zeit, sondern Stiefelabdrücke von Menschen – und sie waren verzerrt, als hätte jemand schwere Lasten geschleift oder wäre in Panik gerannt. „Die Expedition von Norrigea“, stellte Amir fest und deutete auf einen weggeworfenen, zerbrochenen Becher am Rand des Ganges. „Amir sieht ihren Weg. Aber Amir sieht kein Zeichen, dass sie wieder zurückgekommen sind.“
Die Spuren führten tiefer in die Eingeweide der Binge, dorthin, wo die Luft kälter wurde und die Schatten Callans Magierlicht fast aufzusaugen schienen. Amir drückte seinen Schlagring fest – er war bereit, aber sein Magen zog sich zusammen. Er mochte keine engen Räume, die nach Grab rochen.
Die Gänge der alten Binge verzweigten sich wie die Adern eines versteinerten Riesen. Während die anderen den Spuren der Expedition folgten, nutzte Amir jede Gelegenheit, um in die dunklen Seitengänge zu spähen. Viele waren von Geröll verschüttet, andere so unberührt, dass der Staub dort wie eine glatte Schneedecke lag. „Amir merkt sich das. Wo niemand geht, da schläft das Gold“, flüsterte er und markierte gedanklich die Stellen, die er später – wenn er diese „Helden“ abgeschüttelt hatte – genauer untersuchen würde.
An einer besonders engen Stelle hielt er plötzlich inne. Sein Stab stieß auf einen Stein, der sich ein wenig zu leicht nach unten drücken ließ. Amir hob sofort die Hand. „Halt! Wer hier tritt, dem fällt der Berg auf den Kopf.“ Er deutete auf die feinen Risse in der Decke direkt über ihnen. Eine Trittfalle, alt, aber noch immer tödlich. Amarosch brummte anerkennend, während die Gruppe vorsichtig an der Gefahr vorbeischlich.
Schließlich erreichten sie eine gewaltige Halle. Drei Gänge mündeten hier ein, doch das Zentrum beherrschte ein steinerner Brunnen. Amir trat an den Rand und blickte in die gähnende Leere. Er nahm einen Kiesel und ließ ihn fallen.
Sekunde um Sekunde verstrich. Das Echo des Aufschlags kam erst so spät zurück, dass Amir unwillkürlich einen Schritt vom Rand zurückwich. „Zu tief“, murmelte er. „Kein Seil der Welt reicht bis dorthin, wo dieser Stein jetzt schläft.“
Zwei der abgehenden Wege waren völlig eingestürzt, also blieb nur eine Option. Der Gang führte sie in einen riesigen, runden Raum – ein gewaltiges Treppenhaus, das sich sowohl in die endlose Tiefe als auch weit nach oben erstreckte. Eine breite Wendeltreppe schmiegte sich an die Außenwand.
„Warum gehen wir hoch?“, fragte Amir stirnrunzelnd und blickte nach oben. „Amir dachte immer, Zwerge graben nach unten, um den Erzen nah zu sein. Suchen wir Norrigeas Axt nun in den Wolken?“
Sie begannen den mühsamen Aufstieg. Die Stufen waren für zwergische Beine gemacht, was den Marsch für die Menschen und den Halbelfen anstrengend machte. Nach einer Weile erreichten sie eine Stelle, an der die Zeit und das Gewicht des Berges ihren Tribut gefordert hatten: Ein Teil der Stufen war herausgebrochen, ein gähnender Abgrund klaffte zwischen ihnen und dem weiteren Weg.
Myrkon setzte mit einem kräftigen Satz über die Lücke hinweg, gefolgt von Amarosch, der trotz seiner kurzen Beine eine erstaunliche Sprungkraft bewies. Auch Amir, flink und geschmeidig wie eh und je, sprang locker über das Loch und landete lautlos auf der anderen Seite.
Nur Callan blieb am Rand stehen. Sie starrte in die Tiefe, ihr Gesicht bleich, den Magierstab fest umklammert.
„Na los, Dame mit dem spitzen Hut!“, rief Amir spöttisch zurück. „Oder kann Ihr Stab Ihnen keine Flügel zaubern?“ Er schüttelte den Kopf. „Amir denkt, Springen lernt man nicht in der Akademie beim Sprücheklopfen. Dort lernt man wohl nur, wie man wichtig aussieht, während andere sich die Stiefel schmutzig machen.“
Doch während er noch frotzelte, wanderte sein Blick wieder in die Tiefe des Treppenhauses. Irgendetwas an diesem Ort behagte ihm nicht. Die Stille war zu schwer, und der Gedanke an das „Auge unter den Wellen“ aus seinem Traum ließ ihn frösteln, obwohl sie hier mitten im harten Stein eines Berges waren.
Gerade als Amir Callan weiter verspotten will, bleibt sein Blick an der Bruchstelle hängen. Er kneift die Augen zusammen und nutzt seine scharfen Sinne. „Amir sieht Rost... viel Rost“, murmelt er. Die steinernen Stufen wurden einst von massiven Eisenstangen gestützt, die tief im Fels verankert waren. Doch die Feuchtigkeit der Jahrhunderte hat das Metall zerfressen; die Stangen sind nur noch spröde Skelette ihrer selbst.
Ein plötzlicher Schreck fährt ihm in die Glieder. Wenn die Stufen oben weggebrochen sind, was ist dann mit denen, auf denen er gerade steht? Mit einer für einen Schlangenmensch typischen, blitzschnellen Bewegung springt er zurück auf die sichere Seite zu Callan. „Weg da, Dame mit dem Hut! Amir hat keine Lust auf einen tiefen Fall!“
Während Myrkon der blassen Magierin schließlich die Hand reicht und sie mit roher Kraft über den Abgrund hievt, lässt Amir keine Zeit verstreichen. Er muss wissen, was da unten ist. Er knotet seine Öllampe an ein Seil und lässt sie vorsichtig in die Schwärze unter der weggebrochenen Stelle hinab. Das flackernde Licht tanzt an den Wänden entlang, bis es auf etwas Weißes trifft: Ein Skelett liegt mehrere Stockwerke tiefer auf einem Treppenabsatz, die Knochen unnatürlich verdreht. Direkt daneben erkennt er eine schwere Pforte, die wohl in die tieferen, noch dunkleren Etagen der Binge führt.
Amir zieht die Lampe hoch und kehrt bleich zur Gruppe zurück. „Die Treppe ist eine Falle“, berichtet er hastig. „Das Eisen ist tot. Es kann jeden Augenblick nachgeben. Amir denkt, wir sollten uns ganz eng an die Wand drücken, dort, wo der Stein noch hält.“
Vorsichtig, den Rücken gegen den kalten Fels gepresst, schleicht die Gruppe weiter nach oben. Sie passieren ein gewaltiges Portal, das förmlich aus den Angeln gehoben wurde und in das Innere des Berges führt, doch ihr Weg führt sie noch höher. Schließlich erreichen sie das obere Ende des Treppenhauses. Hier ist die Decke so nah, dass selbst Amir seinen Kopf einziehen muss.
In das Deckengewölbe sind kunstvolle Ornamente eingelassen, verziert mit Steinen, die im Schein der Fackeln matt schimmern. Amir erkennt sofort, dass dies keine gewöhnlichen Kiesel sind. Während Myrkon und Amarosch die Umgebung sichern und Callan noch immer versucht, ihren Atem zu beruhigen, lässt Amir seine flinken Finger spielen.
Zwei der Steine – die größten und am reinsten funkelnden – verschwinden mit einer fließenden Bewegung in seiner Tasche. „Das ist für Amirs Mühen mit der Taube“, denkt er zufrieden. Dann hebelt er mit seinem Dolch ein paar der kleineren, minderen Steine heraus und lässt sie absichtlich klackernd zu Boden fallen.
No comments to display
No comments to display